Teampraxis im 6.: Warum diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung Vertrauen braucht
Diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung beginnt dort, wo sich Menschen willkommen, respektiert und ernst genommen fühlen

Was braucht es, damit sich Menschen in einer Arztpraxis wirklich sicher fühlen? Nicht nur medizinisch gut versorgt, sondern auch mit ihrer Identität, ihrer Lebensgeschichte und ihren individuellen Bedürfnissen gesehen und ernst genommen?
Für unsere Reihe Diversity Voices Wien haben wir mit DGKP Nora Breitenecker, BSc, Geschäftsführung der Teampraxis im 6., gesprochen.
Im Gespräch geht es darum, weshalb manche Menschen medizinische Hilfe aus Angst vor Vorurteilen lange hinauszögern, welche gesundheitlichen Folgen Diskriminierung haben kann und warum Vertrauen kein Zusatz, sondern eine Grundvoraussetzung für gute Medizin ist.
Wofür steht die Teampraxis im 6. – und für wen ist sie da?
Wir sind ein Primärversorgungszentrum für Allgemeinmedizin und stehen für eine offene, solidarische und wissenschaftsbasierte Gesundheitsversorgung. Unser Ziel ist eine hochwertige medizinische Versorgung für alle Menschen – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Identität, politischen Ansichten, Religion oder sexueller Orientierung.
Durch unsere Spezialisierung auf sexuelle Gesundheit und die medizinische Begleitung von trans* Personen werden wir besonders häufig von Menschen aus der LGBTQIA+-Community aufgesucht. Gleichzeitig ist uns wichtig zu betonen: Bei uns sind alle Menschen gleichermaßen willkommen.
Was bedeutet euch diese Arbeit ganz persönlich?
Für uns bedeutet diese Arbeit, täglich dazu beizutragen, dass Gesundheitsversorgung für alle Menschen zugänglich ist – unabhängig davon, wer sie sind oder welche Erfahrungen sie mitbringen.
Es motiviert uns zu erleben, wie viel Vertrauen entstehen kann, wenn Menschen respektvoll und auf Augenhöhe begegnet wird. Genau darin sehen wir den Kern guter Allgemeinmedizin: wissenschaftlich fundiert, menschlich und frei von Diskriminierung.
Gab es einen Moment, der besonders deutlich gezeigt hat, warum diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung so wichtig ist?
Es gibt nicht den einen besonderen Moment. Vielmehr sind es die vielen Gespräche mit unseren Patient:innen, die uns immer wieder zeigen, wie wichtig dieses Thema ist.
Wir hören von Menschen, dass sie medizinische Hilfe aus Angst vor Vorurteilen, Unverständnis oder aufgrund schlechter Erfahrungen lange hinausgezögert haben.
Umso bedeutender ist es für uns, wenn Menschen nach einem Termin sagen, dass sie sich zum ersten Mal wirklich willkommen, respektiert und ernst genommen gefühlt haben.
Solche Rückmeldungen machen deutlich, dass diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung kein zusätzlicher Anspruch ist, sondern eine Grundvoraussetzung für gute Medizin. Denn nur dort, wo Vertrauen entstehen kann, ist auch eine nachhaltige und ganzheitliche medizinische Begleitung möglich.
Welche gesundheitlichen Folgen können langjährige Diskriminierungserfahrungen haben?
Viele Menschen, die Diskriminierung erfahren, stoßen auch innerhalb des Gesundheitssystems auf Barrieren oder auf mangelndes Verständnis für ihre Lebensrealität. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein. Die Auswirkungen auf ihre Gesundheitsversorgung sind jedoch häufig negativ.
Wir erleben täglich, dass langjährige Diskriminierung auch gesundheitliche Folgen haben kann. Eine ganzheitliche Behandlung erfordert daher vielfach nicht nur medizinische, sondern auch individuell abgestimmte psychosoziale Unterstützung – etwa im Rahmen von Social Prescribing.
Vielfalt löst bei manchen Menschen zunächst Unsicherheit oder Berührungsängste aus. Sich diesen Gefühlen bewusst zu stellen, erfordert Offenheit und bildet zugleich eine wichtige Grundlage für ein respektvolles, wertschätzendes und solidarisches Miteinander.
Auch im Gesundheitswesen bestehen teilweise Unsicherheiten im Umgang mit Personengruppen, auf die sich unsere Ordination spezialisiert hat. Deshalb ist es uns ein besonderes Anliegen, Wissen zu vermitteln, Berührungsängste abzubauen und einen zugewandten Umgang zu fördern.
Was bedeutet Diversität in der medizinischen Praxis ganz konkret?
Diversität bedeutet für uns Vielfalt. Sie zu leben heißt, dass alle Menschen in unserem Wartezimmer, unseren Ordinationen und Beratungsräumen respektvoll behandelt und bestmöglich versorgt werden – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Identität, politischen Ansichten, Religion oder sexueller Orientierung.
Gleichzeitig erwarten wir auch von unseren Patient:innen und Klient:innen einen wertschätzenden und respektvollen Umgang miteinander sowie mit unserem vielfältigen Team. Vielfalt gelingt dort, wo Respekt nicht nur eingefordert, sondern im täglichen Miteinander von allen gelebt wird.
Wo besteht derzeit der größte Handlungsbedarf?
Der größte Handlungsbedarf liegt für uns darin, Barrieren im Gesundheitswesen abzubauen und allen Menschen einen diskriminierungsfreien Zugang zu einer ganzheitlichen, bio-psycho-sozialen medizinischen Versorgung zu ermöglichen.
Ein zentrales Anliegen ist die Aufklärung, insbesondere im Bereich der sexuellen Gesundheit. Das Wissen über sexuell übertragbare Infektionen ist in der Bevölkerung nach wie vor begrenzt und häufig von Vorurteilen und Stigmatisierung geprägt.
Ebenso wichtig ist es, das Bewusstsein für psychosoziale Unterstützung zu stärken und auf die Vielfalt bestehender Hilfsangebote aufmerksam zu machen. Diese Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit verstehen wir als wesentlichen Bestandteil einer zeitgemäßen allgemeinmedizinischen Versorgung.
Warum ist Vernetzung für eure Arbeit so wichtig?
Gesundheit betrifft alle Menschen. Um Patient:innen bestmöglich begleiten und eine gute gesundheitliche Versorgung gewährleisten zu können, sind wir auf ein starkes Netzwerk angewiesen.
Wien verfügt über eine große Vielfalt an psychosozialen Einrichtungen und kostenfreien Unterstützungsangeboten. Die Zusammenarbeit mit diesen Organisationen ermöglicht es uns, Menschen bedarfsgerecht und ganzheitlich zu unterstützen.
Je mehr unterschiedliche Menschen und Organisationen zusammenkommen, desto größer ist die Chance, voneinander zu lernen und neue Perspektiven kennenzulernen.
Zusammenarbeit im Diversity-Bereich bedeutet für uns, Unterschiede anzuerkennen, respektvoll miteinander umzugehen und Räume zu schaffen, in denen Vielfalt als Bereicherung erlebt werden kann.
Was motiviert euch, dranzubleiben – und was gibt euch Hoffnung?
Bestätigung gibt uns die tägliche Erfahrung, dass unser Menschenbild tatsächlich gelebt wird – im Miteinander unseres Teams ebenso wie in der Begegnung mit unseren Patient:innen. Die Offenheit, das Vertrauen und die Wertschätzung, die wir dabei erleben, bestärken uns in unserer Arbeit.
Wir dürfen den Blick auf das nicht verlieren, was bereits erreicht wurde, und auf das Engagement der vielen Menschen, die sich täglich für ein respektvolles und solidarisches Miteinander einsetzen.
Gleichzeitig müssen wir wachsam bleiben: Wissenschaftsfeindlichkeit, Einschränkungen der Behandlungsfreiheit und die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen haben in der Medizin keinen Platz. Medizinische Versorgung muss sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Bedürfnissen der Menschen orientieren – nicht an politischen Ideologien.
Was wir aus dem Gespräch mitnehmen
Das Gespräch mit DGKP Nora Breitenecker, BSc zeigt: Vertrauen ist in der Medizin keine freundliche Zugabe, sondern ein wesentlicher Teil einer erfolgreichen Behandlung. Wer sich sicher, respektiert und verstanden fühlt, kann offener über Beschwerden sprechen, nimmt Unterstützung eher an und lässt sich langfristig besser begleiten.
Diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung beginnt deshalb nicht erst bei der eigentlichen Behandlung. Sie zeigt sich bereits in der Sprache, in der Haltung des Teams und in der Bereitschaft, unterschiedliche Lebensrealitäten ernst zu nehmen. Guter Wille allein genügt dabei nicht. Es braucht Fachwissen, kontinuierliche Sensibilisierung und Strukturen, die niemanden ausschließen.
Gesundheit ist außerdem selten nur eine medizinische Frage. Psychische Belastungen, soziale Isolation, finanzielle Sorgen oder Diskriminierung können den Gesundheitszustand wesentlich beeinflussen. Zeitgemäße Versorgung muss den Menschen daher als Ganzes betrachten und bei Bedarf auch psychosoziale oder soziale Unterstützung einbeziehen.
Wenn Menschen nicht erklären oder rechtfertigen müssen, wer sie sind, entsteht Raum für das, worum es eigentlich gehen sollte: ihre Gesundheit.
Wir bedanken uns herzlich bei DGKP Nora Breitenecker, BSc, Mag.a Linda Oberndorfer (Koordination des Interviews) und dem gesamten Team der Teampraxis im 6. für das offene Gespräch und die wertvollen Einblicke in ihre Arbeit.
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