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Nicole Zahradnicek, Country Lead von Pfizer Österreich, über Gesundheit, Teilhabe und die Verantwortung von Führung

vor 1 Tag
5 Min. Lesezeit
Vielfalt ist keine Initiative, sondern eine Haltung
Porträt von Nicole Zahradnicek, Country Lead von Pfizer Österreich
Foto: Frau Zahradnicek N. © Katharina Schiffl | Hintergrund- und S/W-Bearbeitung: Diversity Care Wien

Eine Diagnose erzählt nie die ganze Geschichte eines Menschen. Dennoch erleben Menschen im Gesundheitswesen, am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft noch immer, dass sie auf einzelne Merkmale reduziert werden – auf eine Erkrankung, ihre Herkunft, ihr Alter, ihre sexuelle Orientierung oder ihre Geschlechtsidentität.


Was braucht es, damit aus dem Bekenntnis zu Vielfalt tatsächliche Teilhabe wird? Und welche Verantwortung tragen Führungskräfte und Unternehmen dabei?


Für Diversity Voices Wien haben wir mit Nicole Zahradnicek, Country Lead von Pfizer Österreich, gesprochen. Sie verfügt über langjährige Führungserfahrung in der Pharma- und Gesundheitsbranche und engagiert sich für Innovation, Chancengleichheit und eine vielfältige Arbeitswelt. Im Gespräch erklärt sie, warum Fortschritt für sie erst dann seinen Wert entfaltet, wenn er Menschen tatsächlich erreicht – und weshalb Inklusion nicht als Einzelprojekt verstanden werden darf.


Frau Zahradnicek, was hat Sie beruflich geprägt – und wofür stehen Sie persönlich?

Mich hat vor allem die Überzeugung geprägt, dass Innovation dann ihren größten Wert entfaltet, wenn sie Menschen erreicht und ihr Leben tatsächlich verbessert. In meiner Arbeit im Gesundheitswesen erlebe ich täglich, wie eng Gesundheit, Teilhabe und Lebensqualität miteinander verbunden sind. Das hat meinen Blick dafür geschärft, dass hinter jeder Diagnose ein Mensch mit einer individuellen Geschichte, mit Hoffnungen und Herausforderungen steht.

Persönlich stehe ich für Respekt, Offenheit und den Mut, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen. Vielfalt ist für mich nicht nur ein gesellschaftlicher Wert, sondern eine Voraussetzung für bessere Entscheidungen, mehr Kreativität und nachhaltigen Fortschritt. Erfolgreich können wir nur sein, wenn sich Menschen unabhängig von Herkunft, Identität, sexueller Orientierung, Alter oder gesundheitlichem Hintergrund gesehen, respektiert und wertgeschätzt fühlen.

In meiner Arbeit sind mir Integrität, Empathie und Verantwortung besonders wichtig. Integrität bedeutet, auch in herausfordernden Situationen klar zu den eigenen Werten zu stehen. Empathie heißt, zuzuhören und Menschen wirklich verstehen zu wollen. Und Verantwortung bedeutet für mich, die eigene Position zu nutzen, um positive Veränderungen anzustoßen, Barrieren abzubauen und faire Zugänge zu fördern.

Vielfalt ist keine Initiative, sondern eine Haltung. Sie zeigt sich jeden Tag in unserem Umgang miteinander.


Was bedeutet Diversität für Sie ganz konkret?

Diversität bedeutet, Menschen in ihrer Einzigartigkeit zu sehen und wertzuschätzen. Dabei geht es nicht nur um Geschlecht, Herkunft oder sexuelle Orientierung, sondern ebenso um unterschiedliche Lebenswege, Erfahrungen, Denkweisen und gesundheitliche Voraussetzungen. Vielfalt wird dort wirksam, wo Menschen authentisch sein können, ihre Perspektiven einbringen dürfen und die gleichen Chancen erhalten, ihr Potenzial zu entfalten.

Gerade im Gesundheitswesen ist das besonders wichtig. Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse, Lebensrealitäten und Herausforderungen. Wer diese Unterschiede versteht und ernst nimmt, kann bessere Lösungen entwickeln und gerechtere Zugänge ermöglichen. Für mich beginnt Inklusion deshalb mit Zuhören, mit echtem Interesse und mit der Bereitschaft, bestehende Denkmuster immer wieder zu hinterfragen.


Wo sehen Sie derzeit den größten Handlungsbedarf?

Wir müssen aus dem Bekenntnis zu Vielfalt konsequentes Handeln machen. Das Bewusstsein ist in vielen Bereichen größer geworden. Gleichzeitig erfahren Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Identität, einer chronischen Erkrankung, einer Behinderung oder ihres sozialen Hintergrunds weiterhin Ausgrenzung und ungleiche Chancen.

In der Arbeitswelt braucht es Rahmenbedingungen, in denen sich alle Menschen respektiert, sicher und zugehörig fühlen können. Vielfalt darf kein separates Projekt bleiben, sondern muss Teil von Führung, Unternehmenskultur und alltäglichen Entscheidungen sein. Führungskräfte tragen dabei eine besondere Verantwortung: Sie dürfen Inklusion nicht nur einfordern, sondern müssen sie glaubwürdig vorleben.

Eine vielfältige und inklusive Gesellschaft ist nicht nur gerechter, sondern auch erfolgreicher. Wo Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen gemeinsam an Lösungen arbeiten, entstehen Innovation, Verständnis und echter Fortschritt.


Welche Verantwortung tragen Unternehmen für ein inklusives Miteinander?

Unternehmen gestalten einen wesentlichen Teil unseres gesellschaftlichen Lebens mit. Menschen verbringen viel Zeit am Arbeitsplatz. Deshalb sollten Unternehmen Orte sein, an denen Vielfalt nicht nur akzeptiert, sondern aktiv gefördert wird. Respekt, Chancengleichheit und Zugehörigkeit dürfen keine Schlagworte bleiben. Sie müssen sich in der Unternehmenskultur, in Führungsentscheidungen und im täglichen Miteinander widerspiegeln.

Diese Verantwortung beginnt mit der Haltung. Es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft, sexueller Orientierung, Identität oder gesundheitlichen Herausforderungen authentisch sie selbst sein können. Führungskräfte setzen den Rahmen dafür, ob sich Menschen gehört, gesehen und wertgeschätzt fühlen.


Wie wird dieser Anspruch bei Pfizer im Arbeitsalltag sichtbar?

Unser übergeordnetes Ziel bei Pfizer ist es, Durchbrüche zu schaffen, die das Leben von Patient:innen verändern. Das kann nur gelingen, wenn unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen und sich die Vielfalt der Gesellschaft auch innerhalb des Unternehmens widerspiegelt. Deshalb legen wir Wert auf eine Kultur der Inklusion, in der jede Stimme zählt und unterschiedliche Erfahrungen als Stärke verstanden werden.


Ein Beispiel dafür ist unser Fair Play Team. Kolleg:innen aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen setzen sich darin für ein respektvolles, wertschätzendes und diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld ein. Das Team schafft Bewusstsein für Vielfalt, Inklusion und Chancengleichheit, unterstützt den offenen Dialog und trägt dazu bei, diese Werte im Arbeitsalltag erlebbar zu machen.

Als Unternehmen im Gesundheitswesen sehen wir darüber hinaus die Verantwortung, gesundheitliche Ungleichheiten abzubauen und den Zugang zu Prävention, Innovation und Versorgung für möglichst viele Menschen zu verbessern. Dazu gehört, den Bedürfnissen unterschiedlicher Patient zuzuhören und gemeinsam mit Partner Lösungen zu entwickeln, die Menschen in ihrer jeweiligen Lebensrealität erreichen.


Warum ist die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und sozialen Organisationen so wichtig?

Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nur gemeinsam lösen. Unternehmen, soziale Organisationen und die Zivilgesellschaft bringen jeweils andere Perspektiven, Erfahrungen und Stärken ein. Gerade darin liegt die Chance, nachhaltige Veränderungen zu bewirken.

Soziale Organisationen sind häufig besonders nah an den Menschen und kennen ihre Bedürfnisse, Sorgen und Lebensrealitäten. Unternehmen können Ressourcen, Reichweite und Expertise einbringen. Die Zivilgesellschaft setzt wichtige Impulse und macht Entwicklungen sichtbar. Wenn diese Perspektiven zusammenkommen, können praxisnahe und langfristig tragfähige Lösungen entstehen.


Zusammenarbeit ist für mich deshalb weit mehr als Sponsoring oder ein einzelnes Projekt. Wirkungsvolle Partnerschaften entstehen, wenn Beteiligte einander zuhören, voneinander lernen und ein gemeinsames Ziel verfolgen. Gerade im Diversity-Bereich dürfen wir nicht über Menschen sprechen, sondern müssen mit ihnen sprechen. Wer Diskriminierung, Ausgrenzung oder Benachteiligung erlebt, muss gehört und aktiv einbezogen werden.


Damit Zusammenarbeit Wirkung entfaltet, braucht es aus meiner Sicht drei Dinge: Offenheit, Vertrauen und Konsequenz. Offenheit, um unterschiedliche Perspektiven anzunehmen. Vertrauen, um auch schwierige Themen ehrlich anzusprechen. Und Konsequenz, damit aus guten Absichten konkrete Maßnahmen und nachhaltige Veränderungen werden.


Was motiviert Sie, dranzubleiben – und was gibt Ihnen Hoffnung?

Mich motiviert die Überzeugung, dass Fortschritt möglich ist und jede Veränderung mit Menschen beginnt, die Verantwortung übernehmen. Im Gesundheitswesen sehen wir sehr konkret, dass Innovation, Zusammenarbeit und Engagement das Leben von Menschen verbessern können.

Kraft geben mir auch Begegnungen mit Menschen, die trotz großer Herausforderungen mutig und zuversichtlich ihren Weg gehen. Sie erinnern mich daran, nicht bei Problemen stehen zu bleiben, sondern nach Lösungen zu suchen. Veränderung geschieht oft in kleinen Schritten – doch gerade diese Schritte machen langfristig den Unterschied.


Hoffnung gibt mir besonders die jüngere Generation. Ich erlebe viele junge Menschen als offen, neugierig und selbstverständlich vielfältig. Sie hinterfragen Strukturen, setzen sich für Gleichberechtigung ein und erwarten ein respektvolles Miteinander.


Am Ende ist es eine Frage der Haltung: Ich glaube an die Kraft von Respekt, Empathie und Zusammenarbeit. Solange Menschen Brücken bauen, statt Gräben zu vertiefen, gibt es Grund zur Hoffnung.


Was Diversity Care Wien aus dem Gespräch mitnimmt

Vielfalt entscheidet sich nicht in Leitbildern, sondern dort, wo Menschen einander tatsächlich begegnen: im Bewerbungsgespräch, in einer Führungsentscheidung, im Wartezimmer und bei der Versorgung zu Hause. Genau dort zeigt sich, ob jemand als ganzer Mensch wahrgenommen wird – oder auf eine Diagnose, eine Identität oder einen vermeintlichen Unterschied reduziert bleibt.


Für Diversity Care Wien ist deshalb besonders wichtig, was Nicole Zahradnicek über das Zuhören und die Zusammenarbeit sagt. Unsere tägliche Arbeit zeigt: Gerechte Versorgung entsteht nur, wenn die Lebensrealitäten der Menschen ernst genommen werden. Soziale Organisationen bringen diese unmittelbare Erfahrung ein; Unternehmen verfügen über Wissen, Reichweite und Ressourcen. Nachhaltige Wirkung entsteht jedoch erst, wenn daraus Partnerschaften auf Augenhöhe werden – transparent, konsequent und an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen orientiert.


Der vielleicht stärkste Satz dieses Gesprächs lautet: Vielfalt ist keine Initiative, sondern eine Haltung. Für uns bedeutet diese Haltung, Barrieren nicht nur zu benennen, sondern gemeinsam abzubauen – in der Pflege, im Gesundheitswesen und in unserer Gesellschaft.



Danke

Wir bedanken uns herzlich bei Nicole Zahradnicek für das offene Gespräch, ihre persönlichen Einblicke und die klare Haltung zu Vielfalt, Teilhabe und gesellschaftlicher Verantwortung.



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