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Diversity Voices Wien

„Das Recht, gleich und anders zugleich zu sein“

Foto: Doron Rabinovici © Lukas Beck | Hintergrund- und S/W-Bearbeitung: Diversity Care Wien
Foto: Doron Rabinovici © Lukas Beck | Hintergrund- und S/W-Bearbeitung: Diversity Care Wien

Im Gespräch mit Doron Rabinovici über Diversität, Demokratie und die Verantwortung einer offenen Gesellschaft.


Vielfalt ist mehr als das sichtbare Nebeneinander unterschiedlicher Menschen. Sie berührt grundlegende Fragen: Wie wollen wir miteinander leben? Wie gehen wir mit Unterschieden um? Und was geschieht, wenn Ressentiments, Vorurteile und autoritäre Kräfte beginnen, Menschen gegeneinander auszuspielen?

Der Schriftsteller Doron Rabinovici beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Erinnerung, Antisemitismus, Rassismus, Menschenrechten und den Voraussetzungen einer offenen Gesellschaft. Seine persönliche Geschichte ist dabei untrennbar mit seiner Haltung verbunden.


Für unsere Reihe Diversity Voices Wien haben wir mit ihm über das Recht gesprochen, gleich und anders zugleich zu sein, über die Unterschiede zwischen verschiedenen Formen der Diskriminierung und darüber, weshalb gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht durch Gleichmacherei, sondern nur durch gelebte Vielfalt entstehen kann.


Was hat dich persönlich und beruflich geprägt – und wofür stehst du?

Geprägt bin ich von dem, was den Meinen einst zugefügt wurde, weswegen ich gegen jegliche Politik des Ressentiments, des Rassismus, des Antisemitismus und der Diskriminierung geeicht bin, doch für die Menschenrechte und die offene Gesellschaft eintrete.

Als Schriftsteller schreibe ich gegen Schlagworte, gegen Floskeln des Stumpfsinns und gegen die Sager unverdrossener Gleichgültigkeit an.

Mich haben die Auseinandersetzungen mit Geschichtslügen, Vorurteilen und Hetze persönlich und beruflich geprägt. Ich stehe gegen die Feinde der liberalen Demokratie und der Menschenrechte.

Welche Werte sind dir in deiner Arbeit besonders wichtig?

Neugier, Courage, Redlichkeit, Einfühlsamkeit, Offenheit und Widerständigkeit.

Was bedeutet Diversität für dich ganz konkret?

Das Recht, gleich und anders zugleich zu sein, sowohl universalistisch als auch partikulär sein zu können.

Diversität muss die Grundlage unserer Gesellschaft sein. Denn in einer Welt, die durch ihre Pluralität gekennzeichnet ist, wird die Unterdrückung oder gar die Verfolgung des Anderen zum Angriff auf den Kern des Gesamten.

Die Forderung nach vollkommener Anpassung löst das Problem nicht, sondern verschärft es nur. Die totale Assimilation kann nie funktionieren, denn ein Assimilant ist ja von Anfang an immer nur der Andere.

Diversität in all ihrer Vielfalt bedeutet, den Anderen zu respektieren, doch dabei zugleich die Freiheit von Meinung und Kunst zu verteidigen. Wie die Grenzlinie hier zu ziehen ist, muss in jedem Fall neu diskutiert werden und kann, je pluralistischer die Gesellschaft wird, durchaus diffizil werden.

Arthur Rimbaud war es, der den Satz „Ich bin ein Anderer“ prägte. Aber wenn es um Diversität geht, muss Rimbauds Gedanke ergänzt werden:

Ich gibt es nur im Plural. Ich sind viele Andere.

Erst ein Verständnis dafür, dass jedes einzelne Subjekt mehrstimmig ist, kann die Vielfalt der Gesellschaft erfassen. Zugleich bedeutet der lateinische Begriff „Individuum“ im Deutschen das Unteilbare, das Einzigartige.

Der Gedanke, jeder von uns sei ein Unikum, ist kein Widerspruch zu unserer inneren und äußeren, unserer eigenen und gemeinsamen gesellschaftlichen Diversität. Das eine bedingt erst das jeweils andere.

Der moderne Mensch in der Pluralität und in der liberalen Demokratie des globalen Zeitalters hat ein Anrecht auf das Universale und das Partikulare zugleich. Das Recht auf Differenz des Einzelnen und die Diversität unserer Zivilisation gehören zusammen. Denn das eine ist nicht zu haben ohne das andere.

Wo siehst du aktuell den größten Handlungsbedarf in unserer Gesellschaft?

Wir müssen gegen die autoritären Kräfte, die uns gegeneinander aufhetzen, zusammenstehen und an der Vision einer gemeinsamen, doch vielstimmigen Zukunft festhalten.

Welche Verantwortung tragen wir als Gesellschaft für ein respektvolles und inklusives Miteinander?

Es geht darum, im Kampf gegen eine Ungerechtigkeit nicht nur die eine Schlechterstellung zu sehen, sondern das gesamtgesellschaftliche Gefüge und die menschlich vielseitigen Dimensionen im Blick zu behalten.

Ich glaube, es kann in unserer Zeit kein wirklich gutes Leben geben, wenn es anderen um uns herum schlecht geht.

Was wird bei Ausgrenzung, Zugehörigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt noch zu wenig gesehen oder verstanden?

Zunächst sind es ökonomische und soziale Fragen, die heute weniger scharf gesehen werden als in früheren Jahrzehnten, etwa noch in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts.

Eine Gesellschaft, die von großen Vermögensunterschieden gekennzeichnet ist, verliert die Grundlagen für Vielstimmigkeit in Harmonie und für den demokratischen Konsens.

Gleichzeitig kann die Förderung einer Gruppe von sozial Benachteiligten auf Kosten anderer diskriminierter Menschen gehen. Das mag – zur Gaudi der ohnehin Bevorzugten – den Streit zwischen den verschiedenen Kategorien von Diskriminierung befördern.

In den USA kann das zum Beispiel zum Konflikt zwischen schwarzen, jüdischen oder asiatischen Communities führen. In Frankreich verschärft dieser Mechanismus die Animositäten zwischen muslimischen und jüdischen Gemeinschaften in den Banlieues.

Zudem werden dabei jene übersehen, die aus mehreren Gründen gleichzeitig diskriminiert werden. Dieses Problem wird in der Wissenschaft unter dem Begriff Intersektionalität behandelt.

Es zeigt, dass Maßnahmen gegen die Diskriminierung zweier Gruppen jenen Menschen, die beiden Kategorien angehören, nicht automatisch doppelt helfen. Im Gegenteil können ihnen daraus sogar zusätzliche Schwierigkeiten entstehen.

Verbesserungen für Schwarze und für Frauen können beispielsweise dazu führen, dass weiße Frauen und schwarze Männer Unterstützung erfahren, während schwarze Frauen übersehen werden und es für sie mitunter noch schwieriger wird als zuvor.

Warum ist es wichtig, unterschiedliche Formen der Diskriminierung genau zu betrachten?

Nicht selten wird der Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus nicht verstanden. Selbstverständlich gibt es Gemeinsamkeiten und Überschneidungen. Falsch ist aber die Vorstellung, Antisemitismus sei letztlich nur eine Unterform von Rassismus.

Rassismus ist die Biologisierung sozialer Unterschiede. Er legitimiert gesellschaftliche Ungleichheit durch Biologie, durch vermeintlich natürliche Unterschiede. Er will die Ausbeutung der Unterdrückten rechtfertigen und kann bis zum Mord führen.

Antisemitismus funktioniert anders. Antisemitismus ist ein Weltdeutungsmuster, ein Verschwörungsmythos, eine vermeintliche Erklärung dafür, warum die Welt nicht funktioniert.

Dass die Welt nicht funktioniert, darüber kann man sich oft einigen. Der Antisemitismus behauptet jedoch zusätzlich: Irgendjemand muss daran schuld sein. Und wir wissen auch schon, wer – „der Jude“ als Zerrbild.

Deshalb zielt Antisemitismus nicht primär auf Ausbeutung. Es geht nicht in erster Linie um Erniedrigung und Unterdrückung, sondern um die Vernichtung eines vermeintlichen jüdischen Prinzips. Er kann bis zur Ausbeutung gehen, aber er will primär die Vernichtung. Genau dieser Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus wird häufig nicht verstanden.

So kann ein Politiker wie Jeremy Corbyn oder Jean-Luc Mélenchon sagen: „Ich kann kein Antisemit sein, denn ich bin doch Antirassist.“ Übersehen wird dabei jedoch, dass es eine lange Geschichte des Antisemitismus innerhalb der Linken gibt. Wir kennen sie von Stalin und Trotzki. Wir kennen sie von den Ärzteprozessen Anfang der 1950er-Jahre.

Es gibt einen Antisemitismus, der sich als politische Kritik maskiert, aber vor allem gegen Juden, gegen Israel und gegen den Zionismus richtet. Schon der stalinistische Antisemitismus hetzte gegen die Zionisten, wenn das jüdische Kollektiv gemeint war.

Deshalb ist in letzter Zeit von einem „neuen Antisemitismus“ die Rede. Er wird viel zu oft verleugnet, übersehen oder ausgeblendet.

Warum ist Vernetzung zwischen Kultur, Wissenschaft, sozialen Organisationen und Zivilgesellschaft wichtig?

Weil wir dadurch auf ganz verschiedene Kompetenzen zurückgreifen können.

Dabei ist es wichtig, die unterschiedlichen Zugänge zu nutzen, aber auch in ihrer Verschiedenheit anzuerkennen.

Was braucht es, damit gemeinsames gesellschaftliches Engagement tatsächlich Wirkung entfalten kann?

Es geht um Allianzen, die bereit sind, die Analysen zu teilen, die Ziele zu diskutieren und sich für gemeinsame Aktionen zusammenzuschließen.

Meine Erfahrung in diesem Bereich stammt insbesondere aus meinem Engagement im Jahr 2000 gegen die Koalition der Volkspartei mit den rechtsextremen Freiheitlichen.

Was motiviert dich, dranzubleiben?

Es ist wohl mein Trotz gegen Ignoranz, Borniertheit und Indifferenz.

Es sind aber auch jene, die im Freundeskreis viel mehr machen. Und es gibt jene, die trotz des Ungeheuerlichen, das sie durchmachten und überlebten, nie aufgaben. Vor allem meine Eltern und meine Großmutter.

Letztlich aber sind es vor allem das Schreiben, Reden und Denken, die mich vorwärtstreiben.

Was gibt dir Hoffnung?

Von Václav Havel stammt der Satz:

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

Selbst nach dem Weltkrieg und der Vernichtung war nicht alles für immer verloren. Meine Eltern waren eben der Auslöschung entronnen, da waren sie bereits davon überzeugt, wir, die Kinder, würden es dereinst besser haben.

Vor allem aber sind Ironie und Humor ein Ausweg. 😉 Ein wenig jüdischer Humor? Was ist der Unterschied zwischen einem jüdischen Pessimisten und einem jüdischen Optimisten? Nun, der jüdische Pessimist sagt: „Es kann gar nicht mehr schlimmer werden.“ Darauf der jüdische Optimist: „Doch, doch!“

Was wir als Diversity Care Wien aus diesem Gespräch mitnehmen

Das Gespräch mit Doron Rabinovici erinnert uns daran, dass Diversität nicht darin besteht, Unterschiede lediglich zu dulden. Sie verlangt, Menschen in ihrer Einzigartigkeit anzuerkennen und gleichzeitig jene universellen Rechte zu verteidigen, die allen gleichermaßen zustehen.

Für unsere Arbeit bei Diversity Care Wien ist dieser Gedanke von besonderer Bedeutung. Die Menschen, die wir begleiten, lassen sich nicht auf eine Diagnose, eine Herkunft, eine sexuelle Orientierung, eine geschlechtliche Identität oder eine einzelne Lebenserfahrung reduzieren. Jeder Mensch trägt unterschiedliche Geschichten, Zugehörigkeiten, Verletzungen, Fähigkeiten und Bedürfnisse in sich.

Gerade in der Pflege und Betreuung bedeutet das, nicht nur eine Kategorie zu sehen, sondern den ganzen Menschen. Es bedeutet auch, aufmerksam dafür zu bleiben, dass Diskriminierungen sich überschneiden und gegenseitig verstärken können. Wer zugleich von Rassismus, Armut, Queerfeindlichkeit, Antisemitismus, Ableismus oder gesundheitlicher Ausgrenzung betroffen ist, braucht keine vereinfachten Antworten, sondern eine Begleitung, die diese Vielschichtigkeit versteht.

Rabinovicis Gedanken zeigen uns zugleich, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht entsteht, indem wir Unterschiede unsichtbar machen. Er entsteht dort, wo wir sie benennen können, ohne Menschen gegeneinander auszuspielen. Dort, wo verschiedene Erfahrungen und Kompetenzen zusammenkommen. Und dort, wo Organisationen aus Pflege, Sozialbereich, Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft bereit sind, voneinander zu lernen und gemeinsame Allianzen zu bilden.

Als Diversity Care Wien sehen wir darin einen klaren Auftrag: Wir müssen jene Kräfte stärken, die Brücken bauen. Wir müssen widersprechen, wenn Menschen ausgegrenzt oder gegeneinander aufgebracht werden. Und wir müssen Räume erhalten, in denen Vielstimmigkeit nicht als Bedrohung, sondern als Grundlage einer offenen und demokratischen Gesellschaft verstanden wird.

Denn Menschlichkeit bedeutet nicht, dass wir alle gleich sein müssen. Sie bedeutet, dass wir alle das gleiche Recht haben, verschieden zu sein.

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