Vielfalt bei refurbed: Kilian Kaminski Warum Vertrauen im täglichen Handeln entsteht
Vertrauen entsteht nicht durch ein Statement auf der Website, sondern durch das tägliche Verhalten.“

Diversity Voices Wien im Gespräch mit Kilian Kaminski, Co-Founder von refurbed und mitverantwortlich für die HR-Agenden des Unternehmens
Vielfalt zeigt sich nicht allein darin, wer in einem Unternehmen arbeitet.
Entscheidend ist, ob unterschiedliche Perspektiven tatsächlich erwünscht sind, in Entscheidungen einfließen und Menschen unabhängig von ihrer Identität, Herkunft oder Lebenssituation dieselben Möglichkeiten erhalten.
Für refurbed spielt dabei die Remote-First-Arbeitsweise eine zentrale Rolle. Wenn Arbeit nicht dauerhaft an einen bestimmten Ort oder an starre Arbeitszeiten gebunden ist, können Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten Teil eines Teams werden und sich auf vielfältige Weise einbringen.
Kilian Kaminski ist Co-Founder von refurbed und unter anderem für die HR-Agenden des Unternehmens mitverantwortlich. Im Gespräch beschreibt er Vielfalt nicht nur als gesellschaftliche Verantwortung, sondern auch als konkreten Vorteil für Unternehmen: Unterschiedliche Erfahrungen können dabei helfen, Daten neu zu interpretieren, komplexe Probleme besser zu verstehen und tragfähigere Lösungen zu entwickeln.
Für unsere redaktionelle Interviewreihe „Diversity Voices Wien“ haben wir mit ihm darüber gesprochen, wie Inklusion in einem international verteilten Team gelingen kann, welche Verantwortung Führungskräfte tragen und warum Menschen selbst entscheiden müssen, wann und wem gegenüber sie ihre Identität sichtbar machen möchten.
Vielfalt als Freiheit und wirtschaftliche Stärke
Was bedeutet Vielfalt für Sie persönlich – und warum engagieren Sie sich neben Ihrer beruflichen Rolle für eine inklusive Unternehmenskultur?
Vielfalt bedeutet für mich, dass unterschiedliche Menschen und Perspektiven nicht nur Platz haben, sondern ausdrücklich erwünscht sind.
Gerade als Führungskraft sehe ich es als meine Verantwortung, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen unabhängig von ihrer Identität, ihrer Herkunft oder ihren aktuellen Lebensumständen dieselben Chancen haben.
Der größte Hebel dabei ist unsere Remote-First-Arbeitsweise. Da wir unsere Mitarbeiter:innen weder an einen bestimmten Arbeitsort noch an strikte Arbeitszeiten binden, schaffen wir enorme Flexibilität und Freiheit. Gleichzeitig können wir dadurch die besten Talente gewinnen – unabhängig davon, wo sie leben.
Diversität innerhalb eines Teams ist auch aus unternehmerischer Sicht ein klarer Vorteil, besonders wenn es darum geht, komplexe Probleme zu lösen. Davon gibt es auf der Welt leider viele. Deshalb ermutige ich auch andere Unternehmer:innen, bewusst darauf zu achten, wie vielfältig ihre Teams zusammengesetzt sind.
Wie wird Vielfalt bei refurbed gelebt, um in einem kreativen und schnelllebigen Umfeld echte Innovation durch unterschiedliche Perspektiven zu fördern?
Bei refurbed beziehen wir unterschiedliche Perspektiven in jeden Schritt eines Projekts ein – bereits zu Beginn, wenn grundlegende Entscheidungen getroffen werden. Gerade dort, wo verschiedene Erfahrungen aufeinandertreffen, entstehen häufig die besten Lösungen.
Wir arbeiten datengetrieben und treffen Entscheidungen auf Grundlage von Daten. Verschiedene Kolleg:innen interpretieren dieselben Daten jedoch mitunter unterschiedlich. Genau dann wird es spannend.
Vertrauen lässt sich nicht verordnen
In einer Branche, die von Vernetzung lebt: Was braucht es, damit aus formaler Akzeptanz echtes Vertrauen entsteht, sodass sich alle Teammitglieder unabhängig von ihrer LGBTQIA+-Identität sicher fühlen und offen sie selbst sein können?
Vertrauen entsteht nicht durch ein Statement auf der Website, sondern durch das tägliche Verhalten.
Es braucht eine klare Haltung gegen Diskriminierung und eine Feedbackkultur, in der falsches Verhalten angesprochen werden kann – auch anonym. Beides muss von der Führungsebene vorgelebt und ausdrücklich gefördert werden.
Wie schafft refurbed ein Umfeld, in dem sich Menschen entfalten können, ohne dass Sichtbarkeit oder ein Outing zur Voraussetzung für Teilhabe werden?
Inklusion bedeutet gerade nicht, dass Menschen ihre Identität sichtbar machen müssen. Entscheidend ist, dass alle dieselben Möglichkeiten erhalten, sich einzubringen.
Eigenverantwortung und Leistung sind für uns das Um und Auf. Die persönliche Präsenz vor Ort oder eine andere Form der Sichtbarkeit ist dafür keine Voraussetzung. Da wir weltweit verteilt und nach dem Remote-First-Prinzip arbeiten, entstehen ganz unterschiedliche Möglichkeiten der Beteiligung.
Physisch zusammen kommen wir während unserer Office Week, die zweimal jährlich in Wien stattfindet. In diesen beiden Wochen gibt es zahlreiche Workshops und Trainings – auch zu Diversity und Inklusion.
Führung beginnt mit Chancengleichheit
Welche Verantwortung tragen Führungskräfte in der Tech-Welt, um eine Kultur der Chancengleichheit zu etablieren und unbewusste Vorurteile abzubauen?
Gerade in der Tech-Welt ist Geschlechtergerechtigkeit ein großes Thema. Deshalb arbeiten wir laufend daran, sie zu fördern.
Frauen sind bei uns auf allen Führungsebenen vertreten: im C-Level, als Vizepräsident:innen, Direktor:innen und Abteilungsleiter:innen. Darüber hinaus setzen wir Maßnahmen für alle Mitarbeiter:innen – beispielsweise, um die Rückkehr nach Karenz- und Elternzeiten zu erleichtern. Diese führt für Frauen in vielen anderen Unternehmen leider noch immer zu einem Karriereeinbruch.
Vorurteile entstehen häufig aus überholten Denkweisen. Deshalb versuchen wir, solche Vorstellungen auf unterschiedlichen Ebenen aufzubrechen. Unser Remote-First-Ansatz ist für viele nach wie vor schwer vorstellbar. Auch unser konsequentes Bekenntnis zur Datenorientierung – insbesondere bei der Bezifferung unserer Wirkung im Umweltbereich – ist keine Selbstverständlichkeit.
Wie wichtig ist das Engagement von Kolleg:innen und Führungskräften, die selbst nicht Teil der Community sind, um glaubwürdige Allyship vorzuleben?
Gerade Menschen, die selbst nicht von Diskriminierung betroffen sind, können viel bewirken: indem sie zuhören, Haltung zeigen und auch dann widersprechen, wenn niemand aus der Community im Raum ist.
Wie wirkt sich gelebte Vielfalt innerhalb des Teams positiv auf die Arbeit für Kund:innen und das Verständnis unterschiedlicher Zielgruppen aus?
Unsere Kund:innen sind genauso vielfältig wie unsere Mitarbeiter:innen.
Unterschiedliche Lebensrealitäten und Perspektiven helfen uns, verschiedene Bedürfnisse besser zu verstehen. Dadurch können wir Produkte und Kommunikation entwickeln, die nicht nur für eine möglichst homogene Zielgruppe funktionieren.
Wo sehen Sie in der Branche noch Barrieren für LGBTQIA+-Personen – und wie kann ein Unternehmen wie refurbed konkret dazu beitragen, diese abzubauen?
Eine Barriere ist nach wie vor die Sorge, im beruflichen Umfeld nicht akzeptiert zu werden oder Nachteile zu erfahren, wenn Menschen offen über ihre Identität sprechen.
Unternehmen können dem mit klaren Regeln, einer inklusiven Führungskultur und konkreten Maßnahmen begegnen. Vor allem müssen sie Vielfalt auch dann ernst nehmen, wenn das Thema gerade nicht im öffentlichen Fokus steht.
Gab es in Ihrem beruflichen Werdegang eine Erfahrung, die Ihren Blick auf Vielfalt und Zugehörigkeit nachhaltig verändert hat?
Je internationaler man arbeitet und je mehr unterschiedliche Menschen man kennenlernt, desto deutlicher wird, dass die eigene Perspektive nur eine von vielen ist.
Besonders prägend war für mich unsere Reise nach Ghana, bei der wir uns angesehen haben, wo europäischer Elektroschrott landet. In Accra wurde mir bewusst, dass unsere Sicht trotz aller Bemühungen noch immer sehr eurozentrisch ist und wir bislang nur einen Teil der globalen Kreislaufwirtschaft verstanden haben.
Diese Erkenntnis ist auch für den Umgang mit Vielfalt wichtig. Wir werden andere Lebensrealitäten nie vollständig verstehen können. Deshalb sollten die Menschen, die diese Realitäten selbst erleben, zuerst zu Wort kommen.
Was möchten Sie einer jungen LGBTQIA+-Person mitgeben, die am Anfang ihrer Karriere steht und unsicher ist, ob sie im Arbeitsumfeld offen sie selbst sein kann?
Du musst dich nicht verändern oder verstecken, um beruflich erfolgreich zu sein.
Gleichzeitig musst du dich zu nichts zwingen. Du selbst entscheidest, wann, wo und gegenüber wem du deine Identität sichtbar machen möchtest. Ein gutes Arbeitsumfeld sollte dir genau diese Freiheit geben.
Was wir aus dem Gespräch mitnehmen können
Das Gespräch mit Kilian Kaminski zeigt, dass Vielfalt nicht erst bei sichtbaren Merkmalen beginnt. Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Erfahrungen in Entscheidungen einfließen und Menschen unabhängig von ihrem Arbeitsort oder ihren Lebensumständen dieselben Möglichkeiten erhalten. Flexible Strukturen können dafür wichtige Voraussetzungen schaffen – vorausgesetzt, sie werden von einer klaren Haltung und einer verlässlichen Führungskultur getragen.
Ebenso entscheidend ist die Freiheit, selbst über die eigene Sichtbarkeit zu bestimmen. Inklusion darf niemals bedeuten, dass Menschen persönliche Teile ihrer Identität offenlegen müssen, um dazuzugehören. Vertrauenswürdige Strukturen, anonyme Rückmeldemöglichkeiten und Führungskräfte, die Diskriminierung klar entgegentreten, können Sicherheit schaffen. Glaubwürdige Allies zeigen ihre Haltung dabei auch dann, wenn niemand aus der betroffenen Community anwesend ist.
Für Diversity Care Wien ist besonders der Gedanke bedeutsam, Menschen mit ihren jeweiligen Erfahrungen zuerst zu Wort kommen zu lassen. Auch in Pflege, Betreuung und Beratung können wir andere Lebensrealitäten nie vollständig aus der eigenen Perspektive verstehen. Wir können jedoch zuhören, unsere Sichtweisen hinterfragen und Rahmenbedingungen schaffen, in denen Menschen selbst bestimmen, was sie von sich zeigen möchten. Genau dort beginnen respektvolle Begleitung, Vertrauen und echte Teilhabe.
Danke für das Gespräch
Wir danken Kilian Kaminski und refurbed für die offenen Einblicke in eine Arbeitskultur, die Vielfalt mit Flexibilität, Eigenverantwortung und konkreten Strukturen verbindet.
Vielen Dank auch an Mag.a Natascha Händler und das Team von Himmelhoch für die sorgfältige Begleitung dieses Interviews.
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