Jürgen Sild von der Bestattung Wien: Würde bis zum letzten Abschied

„Wie können Vielfalt, Wahlfamilien und die persönliche Identität auch bei einer Bestattung respektvoll berücksichtigt werden?
Ein Abschied ist so individuell wie das Leben eines Menschen. Herkunft, Religion, sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität, persönliche Beziehungen und die eigene Lebensgeschichte prägen nicht nur das Leben – sie dürfen auch am Ende nicht unsichtbar werden.
Als größtes Bestattungsunternehmen Österreichs begleitet die Bestattung Wien Menschen in besonders sensiblen Ausnahmesituationen. Dem Thema Vielfalt widmet das Unternehmen einen eigenen Bereich und stellt dabei unter anderem die Besonderheiten queerer Bestattungen in den Mittelpunkt.
„Ich wünsche mir, dass wir Vielfalt irgendwann nicht mehr als etwas Besonderes erklären müssen.“ (Sild Jürgen - Bestattung Wien)
Für unsere Reihe Diversity Voices Wien haben wir mit Mag. Jürgen Sild, Geschäftsführer der Bestattung Wien, darüber gesprochen, was einen würdevollen und identitätsgerechten Abschied ausmacht, welche Bedeutung Namen und Pronomen haben und warum auch Wahlfamilien selbstverständlich berücksichtigt werden sollten.
Das Gespräch berührt einen zentralen Gedanken unserer Arbeit bei Diversity Care Wien: Jeder Mensch verdient es, in seiner Individualität gesehen, respektiert und begleitet zu werden. Bis zuletzt und darüber hinaus. Denn wir pflegen Vielfalt, wir leben Menschlichkeit und wir bauen Brücken.
Die Bestattung Wien widmet dem Thema Vielfalt einen eigenen Bereich auf ihrer Website. Welche Verantwortung ist damit für Ihr Unternehmen verbunden?
Als größtes Bestattungsunternehmen Österreichs tragen wir eine besondere Verantwortung dafür, dass jeder Mensch – unabhängig von Herkunft, Religion, sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität – einen würdevollen und persönlichen Abschied erhalten kann.
Für uns bedeutet Vielfalt nicht nur, unterschiedliche Bestattungsformen anzubieten. Es geht vor allem um eine Haltung: Wir wollen Menschen in ihrer Individualität wahrnehmen und respektieren, auch dann, wenn ihre Lebensgeschichte oder ihre Familienkonstellation nicht traditionellen Vorstellungen entspricht. Der Abschied soll die Persönlichkeit und das Leben eines Menschen widerspiegeln. Deshalb haben wir dem Thema Vielfalt einen eigenen Bereich auf unserer Website gewidmet. Dort stellen wir unter anderem die Besonderheiten queerer Bestattungen in den Mittelpunkt.
Was bedeutet ein würdevoller und identitätsgerechter Abschied ganz konkret?
Ein würdevoller Abschied beginnt für uns damit, den Menschen als Individuum wahrzunehmen. Denn es gibt nicht den einen richtigen Abschied. Das zeigt sich bei der Auswahl der Musik, eines persönlichen Rituals, einer Trauerrede oder eines besonderen Ortes für die letzte Verabschiedung. Ebenso können eine Urne oder ein Sarg individuell gestaltet werden. Die Möglichkeiten reichen heute von sehr traditionellen bis zu ausgesprochen persönlichen Formen. Ganz aktuell bieten wir etwa von Graffiti-Künstler:innen individuell gestaltete Graffiti-Särge und Graffiti-Urnen an.
Namen, Pronomen und gelebte Identität
Bei queeren Bestattungen können der richtige Name und die passenden Pronomen von großer Bedeutung sein. Wie stellt die Bestattung Wien sicher, dass die Identität einer verstorbenen Person respektiert wird?
Der respektvolle Umgang mit Namen und Pronomen ist ein wesentlicher Teil eines identitätsgerechten Abschieds. Gerade bei queeren Verstorbenen kann es für Angehörige und Freund:innen sehr belastend sein, wenn die Identität eines Menschen nach seinem Tod nicht anerkannt wird.
Wir nehmen deshalb die Wünsche der verstorbenen Person und die Informationen der Hinterbliebenen sehr ernst. Dazu gehört auch, die korrekte Anrede und den gewünschten Namen zu verwenden und die Trauerfeier entsprechend den Vorstellungen der verstorbenen Person zu gestalten. Welche besonderen Wünsche oder Unsicherheiten begegnen Ihnen bei der Begleitung queerer Verstorbener und ihrer Angehörigen?
Die Situationen sind sehr unterschiedlich. Eine pauschale Antwort wäre deshalb nicht angemessen. Ein Thema kann sein, wie die verstorbene Person angesprochen werden möchte und welcher Name bei der Trauerfeier verwendet werden soll.
Ebenso können Fragen entstehen, wer als engste Bezugsperson oder als Familie wahrgenommen wird und wer bei Entscheidungen miteinbezogen werden soll. Gerade deshalb ist Zuhören so wichtig. Unsere Mitarbeitenden fragen bei den Vorbereitungsgesprächen für eine Trauerfeier nach und versuchen, gemeinsam mit den Hinterbliebenen den Abschied so zu gestalten, dass er zur verstorbenen Person und ihrem Umfeld passt.
Was braucht es, damit Mitarbeitende in einem so sensiblen Bereich respektvoll mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, Geschlechtsidentitäten, Religionen, Kulturen und Familienformen umgehen können?
Es braucht vor allem Offenheit, Respekt und die Bereitschaft, jedem Menschen unvoreingenommen zu begegnen.
Bei einer Bestattung geht es um sehr persönliche Momente. Deshalb darf nicht die eigene Vorstellung davon, wie eine Familie, eine Beziehung oder ein Lebensentwurf auszusehen hat, den Umgang bestimmen. Vielmehr gehört es dazu, unterschiedliche Lebensrealitäten anzuerkennen und niemanden aufgrund der sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität, Religion, Herkunft oder Familienform anders zu behandeln. Wir begegnen den Menschen so, wie sie sind, und gestalten den Abschied so individuell, wie es das Leben der verstorbenen Person war.
Nicht jede gewählte Familie entspricht den klassischen Vorstellungen von Angehörigen. Wie können unterschiedliche Beziehungen und Zugehörigkeiten bei der Gestaltung eines Abschieds angemessen berücksichtigt werden?
Der Begriff „Angehörige“ greift manchmal zu kurz. Für einen Menschen können Freund:innen, Partner:innen, eine Wahlfamilie oder andere enge Bezugspersonen genauso wichtig oder sogar wichtiger sein als biologische Verwandte.
Deshalb ist es wichtig, genau hinzuhören: Wer war dieser Mensch? Wer hat die Person begleitet? Wer soll beim Abschied dabei sein? Wer soll sprechen, die Musik auswählen oder andere Aufgaben übernehmen?
Wo immer es rechtlich und organisatorisch möglich ist, wollen wir diese persönlichen Beziehungen bei der Gestaltung des Abschieds berücksichtigen. Eine Trauerfeier soll schließlich nicht nur eine formale Zeremonie sein, sondern ein Ausdruck der Beziehungen, die das Leben eines Menschen geprägt haben.
Wo liegen besondere Herausforderungen, wenn die Wünsche der verstorbenen Person und die Vorstellungen ihres Umfelds voneinander abweichen?
Das kann eine besonders schwierige Situation sein. Grundsätzlich sind die Wünsche der verstorbenen Person maßgeblich, soweit sie entsprechend festgehalten beziehungsweise rechtlich durchsetzbar sind. In der Praxis können allerdings unterschiedliche Vorstellungen innerhalb einer Familie oder eines Freundeskreises aufeinandertreffen. Gerade dann ist eine sensible und professionelle Beratung wichtig.
Wir versuchen, die Beteiligten dabei zu unterstützen, eine Lösung zu finden, die den Wünschen der verstorbenen Person möglichst entspricht und gleichzeitig einen würdevollen Abschied ermöglicht. Das zeigt auch, wie wichtig es ist, persönliche Wünsche für den eigenen Abschied schon zu Lebzeiten festzulegen. Dadurch können die Hinterbliebenen bei den Entscheidungen über die Trauerfeier entlastet werden. Eine Möglichkeit ist eine Bestattungsvorsorge, bei der die eigenen Wünsche verbindlich festgehalten werden können.
Vorsorge schafft Klarheit
Viele Menschen beschäftigen sich zu Lebzeiten nur ungern mit dem eigenen Tod. Warum kann es gerade für queere Menschen wichtig sein, persönliche Wünsche, Namen, Pronomen und Vorstellungen für den Abschied frühzeitig festzuhalten?
Vorsorge kann grundsätzlich für alle Menschen sinnvoll sein. Für Menschen, bei denen die eigene Identität oder die familiären Beziehungen möglicherweise nicht selbstverständlich von allen akzeptiert werden, kann sie aber eine besondere Bedeutung bekommen.
Wer zu Lebzeiten festhält, welche Anrede und welcher Name verwendet werden sollen, wer als wichtige Bezugsperson gilt, welche Form des Abschieds gewünscht wird oder welche Rituale eine Rolle spielen sollen, schafft Klarheit für die Hinterbliebenen.
Das kann gerade in einer emotionalen Ausnahmesituation helfen, Konflikte und Unsicherheiten zu vermeiden. Denn die Planung eines letzten Abschieds ist für alle Beteiligten eine Ausnahmesituation.
Was wünschen Sie sich persönlich für eine Gesellschaft, in der die Würde und Lebensgeschichte eines Menschen bis zum letzten Abschied geachtet werden?
Ich wünsche mir, dass wir Vielfalt irgendwann nicht mehr als etwas Besonderes erklären müssen. Menschen sind unterschiedlich – in ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Geschlechtsidentität, ihren Beziehungen und ihren Lebensentwürfen. Das sollte auch beim Tod und beim Abschied selbstverständlich berücksichtigt werden. Würde bedeutet, dass ein Mensch bis zuletzt als der Mensch wahrgenommen wird, der er war. Wenn wir es schaffen, diese Haltung selbstverständlich zu leben, dann haben wir als Gesellschaft viel erreicht.
Was wir aus dem Interview als Diversity Care Wien mitnehmen können
Ein identitätsgerechter Abschied beginnt nicht erst bei der Auswahl von Musik, Ritualen oder einem besonderen Ort. Er beginnt mit aufmerksamem Zuhören. Der richtige Name, die passenden Pronomen und die Anerkennung der tatsächlichen Lebensgeschichte sind keine Nebensächlichkeiten, sondern Ausdruck von Respekt. Gerade in einer emotionalen Ausnahmesituation können solche Details entscheidend dafür sein, ob sich Hinterbliebene verstanden und ernst genommen fühlen.
Das Gespräch zeigt außerdem, dass Familie nicht ausschließlich über biologische Verwandtschaft definiert werden kann. Partner:innen, Freund:innen, Wahlfamilien und andere enge Bezugspersonen können das Leben eines Menschen wesentlich geprägt haben. Diese Beziehungen bei einem Abschied angemessen zu berücksichtigen, bedeutet, die Lebensrealität der verstorbenen Person anzuerkennen.
Auch Vorsorge ist mehr als eine organisatorische Entscheidung. Wer Wünsche, Namen, Pronomen, Rituale und wichtige Bezugspersonen frühzeitig festhält, kann die eigene Identität schützen und zugleich Hinterbliebene entlasten. Für Diversity Care Wien bestätigt dieses Gespräch eine zentrale Haltung unserer Arbeit: Würde entsteht dort, wo Menschen nicht an gesellschaftlichen Normen gemessen, sondern mit ihrer Geschichte, ihren Beziehungen und ihrer Identität wahrgenommen werden.
Danke
Wir bedanken uns herzlich bei Mag. Jürgen Sild, für die für die Zeit, seine Offenheit und die persönlichen Einblicke. Unser Dank gilt ebenso der Bestattung Wien, insbesondere auch Mag. Salzer Bernhard aus dem Kommunikationsteam die mit ihrer Arbeit zeigen, wie Vielfalt, Respekt und Individualität auch beim letzten Abschied ihren selbstverständlichen Platz finden können.
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