Markus Dolderer, Bank Austria: Warum niemand am Arbeitsplatz einen Teil von sich verbergen sollte
Über das eigene Wochenende erzählen, den:die Partner:in erwähnen erwähnen oder ein Familienfoto auf den Schreibtisch stellen: Was für viele Menschen selbstverständlich erscheint, ist für LGBTQIA+-Personen am Arbeitsplatz bis

heute häufig mit einer bewussten Entscheidung verbunden. Kann ich hier offen über mein Leben sprechen? Werde ich akzeptiert? Und könnte ein Outing meine berufliche Entwicklung beeinflussen?
„Je mehr Sichtbarkeit vorhanden ist – gepaart mit Akzeptanz –, desto wohler fühlen sich LGBTQIA+-Personen am Arbeitsplatz und können offen sie selbst sein.“ (Dolderer M.)
Damit aus formaler Gleichbehandlung auch tatsächliches Vertrauen und Zugehörigkeit entstehen, braucht es mehr als Leitbilder und einzelne Aktionen. Es braucht sichtbare Ansprechpersonen, unterstützende Führungskräfte, glaubwürdige Allies und Strukturen, an die sich Mitarbeiter:innen vertraulich wenden können.
Markus Dolderer engagiert sich bei den UniCorns, der Employee Resource Group für LGBTQIA+-Themen innerhalb der Bank Austria. Er möchte sichtbar zeigen, dass Menschen unabhängig davon, wen sie lieben, ihren Platz im Unternehmen finden und beruflich erfolgreich sein können.
Für unsere redaktionelle Interviewreihe „Diversity Voices Wien“ haben wir mit ihm über sein persönliches Engagement, die Bedeutung eines offenen Arbeitsumfelds und die Verantwortung von Führungskräften gesprochen. Das Gespräch zeigt, wie wichtig Menschen sind, die Brücken bauen, Sicherheit vermitteln und anderen das Gefühl geben: Du musst dich hier nicht verstecken.
Was bedeutet Vielfalt für Sie persönlich – und warum engagieren Sie sich neben Ihrer beruflichen Funktion bei den UniCorns?
Vielfalt bedeutet für mich, dass alle Menschen sie selbst sein können und nichts verbergen müssen – unabhängig von Geschlecht, Alter, sexueller Orientierung, Religion oder anderen persönlichen Merkmalen.
Ich engagiere mich bei den UniCorns, weil Gleichberechtigung für mich sehr wichtig ist. Ich möchte sichtbar zeigen, dass es kein Problem ist, schwul zu sein, bei uns zu arbeiten und auch Karriere zu machen.
Welche Aufgaben übernehmen die UniCorns innerhalb der Bank Austria, und was möchten Sie mit Ihrem Engagement für LGBTQIA+-Mitarbeiter:innen konkret bewirken?
Wir sind Ansprechpersonen für alle Themen rund um LGBTQIA+. Wir veranstalten Informationsveranstaltungen für Mitarbeiter:innen und sind Teil des Culture-Netzwerks in unserem Unternehmen.
Ich möchte dazu beitragen, dass niemand in der Bank Austria Angst davor haben muss, sich zu outen. Gleichzeitig soll es vertrauensvolle Ansprechpersonen für alle Fragen und Anliegen rund um LGBTQIA+ geben.
Von formaler Akzeptanz zu echtem Vertrauen
Gerade LGBTQIA+-Personen überlegen auch heute noch genau, ob sie am Arbeitsplatz offen über ihre Identität oder ihr Privatleben sprechen können. Was braucht es, damit aus formaler Akzeptanz echtes Vertrauen und Zugehörigkeit entstehen?
Genau deshalb bin ich Teil der UniCorns. Je mehr Sichtbarkeit vorhanden ist – gepaart mit Akzeptanz –, desto wohler fühlen sich LGBTQIA+-Personen am Arbeitsplatz und desto eher können sie offen mit ihrer Identität umgehen. Dafür braucht es vor allem die Unterstützung und Akzeptanz der Führungskräfte – angefangen beim Topmanagement.
Wie schaffen die UniCorns geschützte Räume, ohne von einzelnen Mitarbeiter:innen Sichtbarkeit oder ein persönliches Outing zu erwarten? Wir haben ein vertrauliches E-Mail-Postfach, an das sich alle Mitarbeiter:innen wenden können, und arbeiten eng mit dem Betriebsrat zusammen. Darüber hinaus gibt es ein Speak-up-Tool, über das Nachrichten anonym übermittelt werden können.
Welche Rolle spielen Führungskräfte dabei, eine Unternehmenskultur zu schaffen, in der Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität gleiche Chancen haben?
Führungskräfte sind dabei einer der Grundpfeiler. Die sexuelle Identität eines Menschen sollte im Arbeitsalltag keine Rolle spielen und auch keine Auswirkungen auf die persönliche oder berufliche Weiterentwicklung haben.
Wie wichtig sind sichtbare Allies – also Kolleg:innen und Führungskräfte, die selbst nicht Teil der LGBTQIA+-Community sind, sich aber glaubwürdig für deren Anliegen einsetzen?
Auch das ist eines unserer Kernthemen. Allies sind für mich alle Menschen, welche die LGBTQIA+-Community akzeptieren und unterstützen.
Damit stärken sie die Botschaft, dass wir alle gleichwertig sind und es keine Rolle spielen sollte, wen wir lieben. Allies sollten Seite an Seite mit ihren LGBTQIA+-Kolleg:innen stehen – beispielsweise bei gemeinsamen Veranstaltungen.
Eine große Bank begegnet täglich Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten. Wie kann sich gelebte Vielfalt innerhalb des Unternehmens auch positiv auf den Umgang mit Kund:innen auswirken?
Durch die interne Unternehmenskommunikation und Leitfäden für inklusive Sprache haben wir Möglichkeiten geschaffen, damit sich auch Kund:innen aus der LGBTQIA+-Community bei uns wohlfühlen können.
Darüber hinaus sind wir die einzige Bank in Österreich mit einer Pride-Bankkarte und einer Pride-Kreditkarte. Dadurch zeigen wir, dass wir die Community unterstützen und ihre Sichtbarkeit fördern.
Vielfalt dauerhaft in der Unternehmenskultur verankern
Wo sehen Sie trotz aller Fortschritte noch Herausforderungen für LGBTQIA+-Personen in der Arbeitswelt – und was können große Unternehmen konkret dazu beitragen, diese abzubauen?
Die größte Herausforderung sind wir Menschen selbst. Es gibt nach wie vor Menschen, die nicht verstanden haben, dass wir innerhalb der LGBTQIA+-Community einfach einen anderen Menschen lieben und dennoch genauso Menschen sind wie alle anderen.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, den Mut und die Selbstsicherheit zu entwickeln, zu sich selbst zu stehen. Unternehmen sollten LGBTQIA+-Themen deshalb fest in ihrer Unternehmenskultur verankern und entsprechende Netzwerke von Mitarbeiter:innen fördern und unterstützen.
Gab es in Ihrem beruflichen oder persönlichen Leben eine Begegnung oder Erfahrung, die Ihren Blick auf Vielfalt und Zugehörigkeit nachhaltig verändert hat?
Das war mein erstes Outing bei meiner ersten Festanstellung, als ich 19 Jahre alt war. Es war schwierig für mich, aber alle haben positiv darauf reagiert. Diese Erfahrung hat mir viel Sicherheit für meine Zukunft gegeben.
Auch bei beruflichen Stationen in anderen Ländern hatte ich nie Probleme und konnte immer ich selbst sein.
Welche Botschaft möchten Sie einer jungen LGBTQIA+-Person mitgeben, die unsicher ist, ob sie am Arbeitsplatz offen sie selbst sein kann?
Überwindet euch und outet euch zunächst bei einer Person, der ihr vertraut. Nehmt die positive und akzeptierende Reaktion als Motivation für eure Zukunft mit. Ich persönlich frage in jedem Vorstellungsgespräch, ob es im Unternehmen ein LGBTQIA+-Netzwerk gibt und wie das Unternehmen zu diesem Thema steht. Dadurch lässt sich bereits im Vorfeld erkennen, ob ein Unternehmen zu einem passt.
Was wir als Diversity Care Wien aus dem Gespräch mitnehmen können
Sichtbarkeit kann Sicherheit schaffen. Wenn Mitarbeiter:innen erleben, dass offen queere Kolleg:innen im Unternehmen anerkannt werden, Verantwortung übernehmen und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten haben, wird Zugehörigkeit konkret erfahrbar. Ein Netzwerk wie die UniCorns vermittelt dabei nicht nur Informationen. Es bietet Ansprechpersonen und zeigt Menschen, die noch unsicher sind, dass sie mit ihren Fragen und Erfahrungen nicht allein bleiben müssen.
Ebenso deutlich wird die Verantwortung von Führungskräften. Ob Vielfalt tatsächlich gelebt wird, entscheidet sich nicht nur in offiziellen Richtlinien oder öffentlichen Botschaften. Entscheidend ist, wie Führungskräfte reagieren, ob sie gleiche Chancen gewährleisten und ob sie eine Atmosphäre schaffen, in der niemand negative Folgen aufgrund der eigenen Identität befürchten muss. Auch Allies tragen dazu bei, indem sie sichtbar an der Seite der Community stehen.
Für Diversity Care Wien ist dieser Gedanke besonders wichtig. Menschen müssen darauf vertrauen können, dass sie nicht auf einzelne Merkmale, Diagnosen oder Lebensweisen reduziert werden. Das gilt am Arbeitsplatz ebenso wie in Pflege, Betreuung und Beratung. Diskriminierungssensible Begleitung beginnt dort, wo Menschen nichts Wesentliches von sich verbergen müssen und ihnen mit Respekt, Offenheit und ohne Vorurteile begegnet wird. So entstehen Brücken, Vertrauen und echte Zugehörigkeit.
Danke für das Gespräch
Wir danken Markus Dolderer und den UniCorns der Bank Austria für die offenen und persönlichen Einblicke. Sein Engagement zeigt, welchen Unterschied sichtbare Ansprechpersonen, unterstützende Führungskräfte und glaubwürdige Allies für LGBTQIA+-Mitarbeiter:innen machen können.
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