Robert Seydel von Wien Tourismus: Wie Wien Vielfalt lebt – und für alle erlebbar macht.
“Wir erklären Vielfalt nicht, wir machen sie selbstverständlich” (Seydel R. | Wien Tourismus)

Wie wird eine weltoffene Stadt für unterschiedliche Menschen tatsächlich erlebbar? Das zeigt sich bereits bei der Reiseplanung, beim Zugang zu Informationen und in alltäglichen Begegnungen. Für Diversity Voices Wien spricht Robert Seydel, Teamleiter Content Creation & Content Management LGBTIQ+ beim WienTourismus, über barrierefreie Angebote, queere Sichtbarkeit und die Verantwortung, Vielfalt glaubwürdig zu vermitteln. Seine Perspektive verbindet die internationale Kommunikation Wiens mit einer persönlichen Frage: Was braucht es, damit Menschen sich selbstverständlich willkommen fühlen?
Wien gilt international als eine offene, lebenswerte und vielfältige Stadt. Welche Verantwortung trägt der WienTourismus dabei, dieses Bild glaubwürdig nach außen zu vermitteln?
Wir machen sichtbar, was Wien ausmacht, und bleiben dabei ehrlich. Eine offene Stadt zeigt sich nicht nur in internationalen Werbekampagnen, sondern im Alltag: darin, wie Menschen miteinander umgehen, wie zugänglich Orte und Informationen sind und ob unterschiedliche Lebensentwürfe selbstverständlich Platz haben. Als WienTourismus tragen wir deshalb eine doppelte Verantwortung. Zum einen erzählen wir die Stadt so, dass ihre Vielfalt sichtbar wird. Und zum anderen überlegen wir sehr genau, wie wir selbst kommunizieren: Wen zeigen wir? Welche Geschichten erzählen wir? Welche Perspektiven fehlen noch? Und wie machen wir unsere Storys für alle sichtbar? Dabei arbeiten wir eng mit Menschen und Organisationen aus den jeweiligen Communitys zusammen. Glaubwürdigkeit entsteht für mich dort, wo Außendarstellung und tatsächliches Erleben zusammenpassen. Wien muss nicht behaupten, perfekt zu sein. Aber Wien soll zeigen, dass Offenheit, Respekt und Weiterentwicklung gelebte Werte sind.
Was bedeutet Vielfalt für den WienTourismus – sowohl im Kontakt mit Besucher:innen als auch innerhalb der Wiener Tourismusbranche?
Vielfalt beschreibt die Realität einer Stadt und ihrer Gäste: unterschiedliche Altersgruppen, Herkünfte, Religionen, Sprachen, Körper, Familienformen, sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten. Diese Vielfalt erklären wir aber nicht, sondern machen sie selbstverständlich und sichtbar. Für Wien-Gäste sind unsere Kanäle – vor allem Websites und Social Media – oft der erste Kontaktpunkt, noch bevor sie Wien besuchen. Deshalb ist es uns wichtig, auch eine eigene Seite zu haben, auf der viele Infos zur Barrierefreiheit in Wien zu finden sind. Wir geben der Vielfalt generell sehr viel Raum auf unseren Kanälen. Im Kontakt mit Besucher:innen bedeutet Vielfalt, aufmerksam zu sein und nicht von einer vermeintlichen Norm auszugehen. Innerhalb der Tourismusbranche geht es um faire Chancen, respektvolle Arbeitsbedingungen und Teams, in denen Menschen ihre Perspektiven einbringen können. Vielfalt macht Angebote besser, weil unterschiedliche Erfahrungen blinde Flecken sichtbar machen. Sie ist damit eine Frage der Haltung, aber auch der Qualität: Wer verschiedene Lebensrealitäten kennt und ernst nimmt, kann Gäste besser verstehen und ihnen ein schöneres Wien-Erlebnis bieten.
Menschen reisen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Lebensrealitäten und Erfahrungen nach Wien. Was braucht es, damit sich wirklich alle Gäste willkommen, respektiert und sicher fühlen?
Zunächst braucht es verlässliche und gut zugängliche Informationen. Gäste sollten vor ihrer Reise erkennen können, was sie an einem Ort erwartet, welche Unterstützung möglich ist und an wen sie sich bei Fragen wenden können. Diese Informationen bieten wir zum Beispiel auf unserer Website wien.info an. Deshalb haben wir auch 2025 dafür gesorgt, dass alle unsere Websites zum Großteil mit Konformitätsstufe AA der „Richtlinien für barrierefreie Webinhalte Web – WCAG 2.1“ vereinbar sind. Darüber hinaus sind sie auch WACA-zertifiziert. Im vergangenen Jahr haben wir auch drei neue Gebärdensprachvideos für unsere gehörlosen Wien-Besucher:innen gedreht (in österreichischer, deutscher und internationaler Gebärde). Wir sind aber noch einen Schritt weiter gegangen. Um dem Inklusionsgedanken vollends gerecht zu werden, wurden die Videos bewusst mit Hilfe von KI vertont, um noch mehr Menschen zu erreichen. Mit der Kombination aus Gebärdensprache, Tonspur und Untertiteln sprechen wir unterschiedliche Bedürfnisse an und holen möglichst viele Menschen ins gemeinsame Wien-Erlebnis. Hinzu kommen natürlich Mitarbeiter:innen, die respektvoll kommunizieren, aufmerksam zuhören und nicht vorschnell Annahmen über Menschen treffen. Sicherheit entsteht aber auch durch eine Kultur und eine Gesellschaft, in der Diskriminierung nicht akzeptiert wird und in der Gäste erleben, dass sie ernst genommen werden. Das kann eine inklusive Ansprache sein, der respektvolle Umgang mit Namen und Pronomen, ein sensibler Blick auf Familienformen oder ein barrierefreier Zugang zu Angeboten. Entscheidend ist, dass niemand seine Lebensrealität rechtfertigen muss, um willkommen zu sein. Dafür braucht es klare Standards, geschulte Teams, aber auch die Bereitschaft, Rückmeldungen ernst zu nehmen.
Welche Rolle spielen Barrierefreiheit und Inklusion bei der Gestaltung und Weiterentwicklung des touristischen Angebots in Wien?
Barrierefreiheit kommt allen zu Gute, nicht nur Personen im Rollstuhl. Die Weiterentwicklung des touristischen Angebots muss auch die Bedürfnisse der Wiener Bevölkerung ernst nehmen. Nur so bleibt die Lebensqualität für Besucher:innen und Bewohner:innen hoch. Deshalb sind Barrierefreiheit und Inklusion Grundlagen eines guten touristischen Angebots, keine Zusatzleistungen. Dabei geht’s eben um weit mehr als bauliche Zugänglichkeit. Auch digitale Informationen, Orientierung, Sprache, Hör- und Sehzugänge sowie die Verständlichkeit von Angeboten spielen eine wichtige Rolle. Für viele Menschen entscheidet sich schon vor der Reise, ob Informationen ausreichend konkret und verlässlich sind. Inklusion muss heute von Anfang an mitgedacht werden. Besonders wichtig ist dabei die Zusammenarbeit mit Menschen, die eigene Erfahrungen mit Barrieren haben. Sie wissen am besten, wo Planung und Wirklichkeit auseinanderfallen. Unser Ziel ist es, Informationen laufend zu verbessern, Barrieren sichtbar zu machen und bei neuen Projekten von Beginn an inklusiv zu denken. Vollständige Barrierefreiheit ist aber kein Zustand, den man einmal erreicht und dann abhakt. Sie ist konsequente Arbeit.
Wien ist auch für viele LGBTQIA+-Reisende ein wichtiges Reiseziel. Wie macht der WienTourismus die Vielfalt der Stadt und ihrer Communitys international sichtbar?
Wir zeigen Wien als Stadt, in der queeres Leben Teil des urbanen Alltags ist: in Kultur, Geschichte, Gastronomie, Nachtleben, Kunst und gesellschaftlichem Engagement. Dabei ist uns wichtig, queere Menschen nicht auf ein einziges Motiv oder auf bestimmte Zeiten im Jahr zu reduzieren. Sichtbarkeit soll das ganze Jahr über stattfinden und die Vielfalt innerhalb der LGBTIQ+-Community mitdenken. Gute Kommunikation entsteht für mich gemeinsam mit den Menschen, um die es geht. Deshalb suchen wir auch hier den Austausch mit queeren Organisationen, Kulturschaffenden, Veranstalter:innen und Betrieben. So können wir Geschichten erzählen, die authentisch sind und nicht von außen übergestülpt werden. International sichtbar zu sein bedeutet dabei auch, Verantwortung zu übernehmen: Wien soll nicht nur als weltoffen beworben werden, sondern für Gäste tatsächlich respektvoll, vielfältig und sicher erlebbar sein. LGBTIQ+-Marketing bedeutet darüber hinaus für uns aber auch, international Haltung zu zeigen. In einer Zeit, in der die Community auf der ganzen Welt wieder deutlich mehr Repressalien ausgesetzt ist, ist das immens wichtig.
Welche Bedeutung haben Sensibilisierung und Schulungen für Mitarbeiter:innen in Hotels, Gastronomie, Kultur und anderen touristischen Bereichen?
Barrierefreiheit wird im WienTourismus als zentraler Qualitäts- und Zukunftsfaktor für eine inklusive Visitor Economy verstanden. Mit unserer neuen Tourismusstrategie haben wir 2025 Aktionsprogramme ins Leben gerufen, die dabei helfen sollen, aktuelle Herausforderungen zu meistern. Eines dieser Programme heißt „Barrierefreiheit in der Visitor Economy“: Gemeinsam mit der Wirtschaftskammer Wien und der Stadt Wien wurden im Rahmen des Wiener Sustainable Tourism Observatorys sechs zielgruppenorientierte Workshops für die Wiener Branche umgesetzt – mit einem klaren Fokus auf praxisnaher Wissensvermittlung und direktem Nutzen für die Betriebe. Die gemeinsam mit myAbility durchgeführten Trainings richteten sich an Führungskräfte und Mitarbeitende aus Hotels sowie an Museen und Kulturinstitutionen und umfassten auch praktische Übungen und eine „Sensing Journey®“. Ein digitales Self Learning Toolkit soll die Inhalte künftig auch jenen zugänglich machen, die nicht an den Workshops teilnehmen konnten. Diese Maßnahmen leisten einen Beitrag zu einem gastfreundlicheren, zugänglicheren und zukunftsorientierten Wien, von dem Menschen mit Behinderungen ebenso profitieren wie ältere Menschen und Familien.
Wie arbeitet der WienTourismus mit Unternehmen, Institutionen und Community-Organisationen zusammen, um Wien als weltoffene und vielfältige Stadt weiterzuentwickeln?
Tourismus ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Der WienTourismus agiert im Zusammenspiel von Betrieben, Kulturinstitutionen, Mobilitätsanbieter:innen, Verwaltung, Bildungseinrichtungen und Community-Organisationen. Unsere Rolle ist deshalb auch, zuzuhören, Wissen zu teilen, Kontakte herzustellen und gemeinsame Entwicklungen zu unterstützen. Besonders wertvoll ist der Austausch mit Organisationen, die nah an den jeweiligen Communitys arbeiten. Sie bringen Erfahrungen und Perspektiven ein, die in klassischen Tourismusstrukturen nicht automatisch vorhanden sind. Das hilft uns dabei, Wissen aufzubauen, das wir gezielt in der Kommunikation einsetzen können. Zusammenarbeit bedeutet aber auch, Kritik auszuhalten und daraus zu lernen. Wenn wir Wien als weltoffene Stadt vertreten, müssen wir offen für Hinweise sein, wo noch Lücken bestehen.
Der Tourismus bringt Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen und Lebenswelten zusammen. Welchen Beitrag kann er zu mehr Offenheit und gegenseitigem Verständnis leisten?
Reisen schafft Begegnungen, aber Begegnung allein führt noch nicht automatisch zu Verständnis. Es kommt darauf an, wie diese Begegnungen gestaltet sind. Tourismus kann unterschiedliche Geschichten sichtbar machen, Zugänge zu Kultur schaffen und Menschen ermutigen, mit Neugier statt mit vorgefertigten Bildern aufeinander zuzugehen. Wien hat dafür viele Möglichkeiten: in Museen und Bühnen, in der Stadtgeschichte, in Grätzeln, in der Gastronomie und in den vielfältigen Communitys der Stadt. Wichtig ist, Menschen nicht auf ihre Herkunft und Identität zu reduzieren. Gute Vermittlung schafft Augenhöhe. Wenn Gäste Wien als Stadt erleben, in der Unterschiedlichkeit zum Alltag gehört, kann das Vorurteile abbauen. Tourismus ersetzt keine gesellschaftliche Arbeit, aber er kann Räume für Neugier, Austausch und gegenseitiges Lernen schaffen. Wir laden unsere Gäste dazu ein, in Wien nicht nur Sight Seeing, sondern auch Life Seeing zu machen.
Wo sehen Sie noch Entwicklungsmöglichkeiten, damit Wien künftig für möglichst viele Menschen ein noch zugänglicheres und inklusiveres Reiseziel wird?
Wir sollten noch konsequenter darin werden, Zugänglichkeit in allen Phasen der Reise mitzudenken: bei der Inspiration, der Buchung, der Anreise, vor Ort und bei der Rückmeldung danach. Dazu gehören präzise Informationen über Barrieren und Unterstützung, gut nutzbare digitale Angebote, inklusive Bildwelten und eine Sprache, in der sich unterschiedliche Menschen wiederfinden. Ebenso wichtig sind qualifizierte Ansprechpartner:innen und verlässliche Prozesse, wenn etwas nicht funktioniert. Darüber hinaus müssen wir die Perspektiven der Betroffenen stärker und früher einbeziehen. Nicht über Menschen reden, sondern mit ihnen planen: Das gilt für Menschen mit Behinderungen genauso wie für queere Menschen, Menschen mit Migrationsgeschichte oder Familien mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Inklusion und Barrierefreiheit sind keine Projekte mit Enddatum, sondern kontinuierliche Arbeit.
Ganz persönlich gefragt: Was bedeutet die Vielfalt Wiens für Sie selbst – und was macht Sie besonders stolz, diese Stadt international vertreten zu dürfen?
Ich bin Historiker und Teil der LGBTIQ+-Community. In diesem Spannungsfeld zwischen urbaner Vergangenheit und weltoffener Lebensrealität bewege ich mich täglich. Und ich habe einen speziellen Blick auf diese Stadt entwickelt: Mir geht es nicht darum, auf ihre Vergangenheit zurückzuschauen, sondern herauszufinden, wie die Diversität Wien über Jahrhunderte hinweg geprägt hat. Und wie Wien zu dem geworden ist, was sie heute ist: eine der lebenswertesten Städte der Welt. Offenheit ist in Wien für mich keine bloße Geste. Wien hat Platz für alle Menschen. Die Stadt versteht moderne Diversität als Lebensrealität und hat gelernt, dass Unterschiedlichkeit keine Bedrohung ist. Im Gegenteil: Sie ist der Treibstoff dieser Stadt. Diese Tatsache lässt mich hier ein perfektes Leben führen, und es macht mich sehr stolz, allen Menschen auf der Welt von dieser Tatsache erzählen zu dürfen. Was wir als Diversity Care Wien aus dem Interview mitnehmen:
Das Gespräch mit Robert Seydel macht deutlich: Eine offene Stadt lebt davon, dass Menschen ihre Vielfalt auch im Alltag erfahren können. Zugängliche Informationen, respektvolle Begegnungen und die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Communitys schaffen dafür wichtige Voraussetzungen. Inklusion bleibt dabei eine gemeinsame Aufgabe, die Aufmerksamkeit und kontinuierliche Weiterentwicklung braucht.
Diese Haltung verbindet den Tourismus mit der Arbeit von Diversity Care Wien: Menschen in ihren unterschiedlichen Lebensrealitäten wahrzunehmen, Barrieren abzubauen und Teilhabe zu ermöglichen. Ob beim Besuch einer Stadt oder bei Pflege und Begleitung im eigenen Zuhause – entscheidend ist, dass Menschen mit ihren Bedürfnissen ernst genommen werden. Danke! Wir danken Robert Seydel vom WienTourismus herzlich für die persönlichen Einblicke und das engagierte Gespräch. Seine Perspektive zeigt, wie wichtig es ist, Vielfalt nicht nur sichtbar zu machen, sondern Menschen das Gefühl zu geben, selbstverständlich dazuzugehören – als Gäste einer Stadt ebenso wie im täglichen Miteinander.
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