Diversity Voices Wien
- DC Wien
- vor 1 Tag
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„Gesundheit beginnt nicht erst bei der richtigen Therapie. Sie beginnt dort, wo Menschen sich trauen, Hilfe anzunehmen, weil sie wissen, dass sie nicht verurteilt werden.“ — Karin Simonitsch, Marien Apotheke Wien
Über HIV, Vertrauen und eine Apotheke, die schon früh Haltung gezeigt hat

Was bedeutet es, wenn eine Apotheke mehr ist als ein Ort, an dem Medikamente ausgegeben werden? Wenn Menschen nicht nur fachlich beraten, sondern auch gesehen, ernst genommen und ohne Vorurteile begleitet werden? Und welche Rolle spielt Vertrauen in einem Gesundheitsbereich, in dem Stigmatisierung für viele Menschen bis heute eine reale Erfahrung ist?
Für unsere Reihe Diversity Voices Wien haben wir mit Karin Simonitsch von der Marien Apotheke gesprochen.
Im Mittelpunkt des Gesprächs stehen HIV, LGBTQIA+, diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung, Gesundheitsinformation, Prävention, starke Netzwerke und die Frage, warum Empathie im Gesundheitsbereich kein Extra sein darf, sondern Grundlage guter Versorgung ist.
Die Marien Apotheke Wien begleitet Menschen mit HIV bereits seit Beginn der 1990er-Jahre. In einer Zeit, in der HIV noch viel stärker stigmatisiert war als heute, wurde sie für viele Betroffene zu einem Ort, an dem sie vorurteilsfrei, kompetent und diskret betreut wurden.
Wofür steht die Marien Apotheke Wien?
Unsere Apotheke ist nach innen und außen bunt.
Wir legen großen Wert darauf, dass unser Team divers ist und hier verschiedene Menschen zusammenkommen. Ganz egal, welche sexuelle Orientierung jemand hat, ob eine Person eine Behinderung hat oder nicht, welche Muttersprache sie hat und so weiter.
Wer unsere Apotheke kennt, weiß, dass wir auch sonst nicht wie die durchschnittliche Apotheke aussehen. Bei uns ist alles bunt – und das repräsentiert uns am besten.
Welche Rolle spielt die Marien Apotheke Wien insbesondere für Menschen mit HIV und die LGBTQIA+-Community?
Diskriminierungsfreiheit, Offenheit oder Empathie sind für uns keine leeren Schlagworte. Wir begleiten Menschen mit HIV bereits seit Beginn der 1990er-Jahre nach diesen Werten.
Das sind die grundlegendsten Werte, nach denen wir alle handeln sollten.
Vor 30 Jahren war HIV noch so stark stigmatisiert, dass selbst Gesundheitspersonal Berührungsängste hatte – leider ist das zum Teil sogar heute noch so.
Wir waren damals so etwas wie eine kleine Insel für viele Betroffene. Die meisten wussten, dass sie bei uns vorurteilsfrei und empathisch betreut werden und dass sich unser Team mit der Krankheit auskennt.
Wir haben uns auch früh mit HIV-Behandler:innen, der Aids Hilfe und natürlich mit Diversity Care Wien vernetzt. So konnten wir gemeinsam die bestmögliche Betreuung gewährleisten und uns zu wichtigen Themen austauschen.
Bis heute hat sich daran eigentlich nichts geändert. Nur eines, zum Glück: HIV ist heute kein Todesurteil mehr.
Welche Entwicklungen beobachten Sie derzeit im Gesundheitsbereich?
Die Entwicklung geht stark in Richtung individualisierte Medizin. Gerade im Bereich der Medikation ist das Prinzip Gießkanne oft keine gute Idee.
Jeder Mensch nimmt ein Medikament anders auf und verstoffwechselt es anders. Da spielen viele Faktoren mit. Individuell angepasste Medikation ist deshalb mit Sicherheit eine gute und notwendige Entwicklung.
Was uns Sorgen bereitet, ist die Entwicklung im Bereich Gesundheitsinformation. Influencer:innen verbreiten in den sozialen Medien ihre Thesen und viele Menschen ziehen diese Inhalte als Informationsquelle heran.
Das ist auch verständlich. Es wird zunehmend schwieriger für alle, die Validität solcher Informationen einzuschätzen.
Welche Herausforderungen erleben Ihre Kund:innen besonders häufig?
Eine große Herausforderung ist es, einzuschätzen, welche Gesundheitsinformation richtig oder falsch ist – beziehungsweise ob sie überhaupt zum eigenen Beschwerdebild passt.
Da sind Ärzt:innen wirklich gefordert. Aber auch wir Apotheker:innen versuchen immer wieder Aufklärungsarbeit zu leisten, wenn es zum Beispiel bestimmte Substanzen betrifft, die plötzlich als Wunderheilmittel gesehen werden.
Ansonsten sind die Herausforderungen und Beschwerden sehr vielfältig.
Im Bereich HIV beraten wir sehr häufig zu Prävention, etwa zur PrEP, oder auch zu Wechselwirkungen verschiedener Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel mit der HIV-Therapie.
Was bedeutet Diversität für Sie im Apothekenalltag?
Gerade in der Beratung ist es wichtig, unterschiedliche Lebensrealitäten zu berücksichtigen und auf das Individuum einzugehen.
Diversität heißt für uns, einfach den Menschen und seine Bedürfnisse zu sehen.
So, wie es auch im Team gelebt wird.
Warum ist ein diskriminierungsfreier Zugang zur Gesundheitsversorgung so wichtig?
Seit 30 Jahren betreuen wir Menschen mit HIV und erinnern uns noch schmerzhaft daran, welch leidvolle Erfahrungen manche unserer Kund:innen im Gesundheitswesen mit Diskriminierung gemacht haben – und teilweise immer noch machen.
Wäre HIV nicht so stigmatisiert, wären wir dem Ziel, die Krankheit einzudämmen, sicher schon viel näher.
Hinzu kommt: Wer diskriminiert wird oder immer wieder solche Hürden nehmen muss, meidet den Kontakt zum Gesundheitssystem irgendwann.
Das ist fatal und kann ernste Folgen haben.
Was bedeutet Ihnen die langjährige Zusammenarbeit mit Diversity Care Wien?
Seit der Vereinsgründung ist das Team von Diversity Care Wien – damals noch HIVmobil – mit uns vernetzt. Wir tauschen uns regelmäßig mit den Pflegepersonen aus.
Für uns ist das besonders wertvoll, denn so haben wir auch Einblick in die Lebenswelt und Bedürfnisse von Personen mit HIV und Pflegebedarf.
Der Verein pflegt mittlerweile nicht nur Menschen mit HIV, sondern ist grundsätzlich für alle Menschen da. Natürlich werden aber nach wie vor viele Menschen aus marginalisierten Gruppen betreut.
Durch die Rückmeldungen, was gebraucht wird und wo wir am besten unterstützen können, können wir gut auf die Menschen eingehen.
Warum sind starke Netzwerke im Gesundheits- und Sozialbereich aus Ihrer Sicht unverzichtbar?
Den regelmäßigen Austausch braucht es unbedingt, denn verschiedene Berufsgruppen haben unterschiedliche Expertisen.
Wenn sich Ärzt:innen, Pflegepersonen, Apotheker:innen, Therapeut:innen und weitere Berufsgruppen vernetzen, können Patient:innen ideal ganzheitlich betreut werden.
Jede Profession ergänzt das Bild – und das ist besonders wichtig.
Gerade im Bereich HIV funktioniert das bei uns sehr gut.
Was motiviert Sie, sich seit vielen Jahren in diesem Bereich zu engagieren?
Es hat mit persönlicher Betroffenheit begonnen, erzählt uns Frau Mag. Simonitsch.
Als ich noch angestellte Apothekerin war, bat mich ein Kunde darum, HIV-Medikamente für seinen schwerkranken Partner zu bestellen. Ich habe die Therapie schließlich in meiner Mittagspause zu ihm nach Hause gebracht.
So bekam ich einen Einblick, wie sehr sich das Leben vieler Menschen durch diese furchtbare Infektionskrankheit verändert hatte.
Zudem berichteten mir viele, dass sie sich gar nicht trauen, Kontakt zu Ärzt:innen oder Apotheken zu suchen, weil sie gemieden oder diskriminiert werden.
Vor allem Frauen, die sich mit HIV angesteckt hatten, hingen oft im luftleeren Raum. Sie hatten keine Lobby, keine Ansprechpartner:innen und keine Idee, wohin sie sich anonym wenden können.
Daraufhin habe ich begonnen, die HIV-Therapie auf Lager zu nehmen, mich mit der Aids Hilfe und weiteren Partner:innen zu vernetzen – und immer mehr Menschen kamen zu uns. Als ich die Apotheke übernommen habe, war mir einfach wichtig, dass unser Team immer offen, wertschätzend und diskret mit unseren Kund:innen umgeht.
Das steht für mich an oberster Stelle.
Was wir als Diversity Care Wien daraus mitnehmen
Das Gespräch mit Karin Simonitsch zeigt sehr eindrucksvoll: Vertrauen im Gesundheitsbereich entsteht nicht allein durch Fachwissen. Es entsteht dort, wo Menschen spüren, dass sie ohne Angst, ohne Scham und ohne Vorurteile Unterstützung suchen können.
Für Diversity Care Wien ist dieser Gedanke besonders nahe. Denn auch in der Pflege erleben wir täglich, wie sehr frühere Diskriminierungserfahrungen prägen können. Menschen, die im Gesundheitswesen abgewertet, nicht ernst genommen oder beschämt wurden, tragen diese Erfahrungen oft lange mit sich.
Gerade bei HIV, queeren Lebensrealitäten, Suchterkrankungen, psychischen Belastungen oder komplexen Lebensgeschichten braucht es Orte und Menschen, die Sicherheit vermitteln. Orte, an denen Fragen gestellt werden dürfen. An denen medizinische Versorgung nicht mit Bewertung verbunden ist. Und an denen klar ist: Der Mensch steht im Mittelpunkt – nicht das Stigma.
Besonders stark ist für uns die Haltung der Marien Apotheke Wien, die schon früh dort Verantwortung übernommen hat, wo andere noch Berührungsängste hatten. Dieses frühe Hinschauen, Zuhören und Vernetzen hat für viele Menschen einen Unterschied gemacht.
Auch der Blick auf Gesundheitsinformation ist heute wichtiger denn je. Wenn Menschen zwischen Social-Media-Tipps, Halbwissen und vermeintlichen Wundermitteln Orientierung suchen, braucht es Fachpersonen, die verständlich erklären, einordnen und begleiten.
Wir nehmen aus diesem Gespräch mit: Gute Versorgung braucht Wissen. Aber sie braucht auch Vertrauen. Diskretion. Empathie. Und starke Netzwerke, in denen Medizin, Pflege, Apotheke, Beratung und soziale Unterstützung gemeinsam wirken.
Vielleicht ist genau das der Kern: Gesundheit beginnt nicht erst bei der richtigen Therapie. Sie beginnt dort, wo Menschen sich trauen, Hilfe anzunehmen, weil sie wissen, dass sie nicht verurteilt werden.
Danke
Diversity Care Wien bedankt sich herzlich bei Karin Simonitsch und dem Team der Marien Apotheke Wien für die langjährige Zusammenarbeit, die offenen Einblicke und die wichtige Haltung für eine diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung.
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