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Nicole Schlautmann von MSD Österreich über moderne HIV-Therapie, anhaltende Stigmatisierung und die Kraft vernetzter Versorgung

16. Sept.
5 Min. Lesezeit
„Fortschritt zeigt sich nicht nur an besseren Medikamenten, sondern auch daran, ob sich die Lebensrealität von Menschen verbessert.“ - Nicole Schlautmann


Porträt von Nicole Schlautmann, Managing Director bei MSD Österreich
Foto: Nicole Schlautmann  © Christian Husar | Hintergrund- und S/W-Bearbeitung: Diversity Care Wien

Eine HIV-Diagnose bedeutet heute etwas grundlegend anderes als noch vor wenigen Jahrzehnten. Moderne Therapien ermöglichen vielen Menschen ein langes, gesundes und selbstbestimmtes Leben. Doch während die Medizin große Fortschritte gemacht hat, halten sich in der Gesellschaft weiterhin überholte Bilder, Ängste und Vorurteile.

Genau in dieser Lücke zwischen medizinischer Realität und gesellschaftlicher Wahrnehmung entscheidet sich, ob Fortschritt im Alltag tatsächlich ankommt. Denn gute Versorgung endet nicht bei wirksamen Medikamenten. Sie umfasst auch psychische Stabilität, soziale Sicherheit, verlässliche Begleitung und die Möglichkeit, ohne Angst vor Ausgrenzung zu leben.


Im Gespräch mit Diversity Care Wien spricht Nicole Schlautmann von MSD Österreich, Managing Director bei MSD Österreich - darüber, warum HIV ganzheitlich betrachtet werden muss, welche Rolle Aufklärung und Prävention spielen und weshalb Ärzt:innen, Pflegeorganisationen, Beratungsstellen, Community-Organisationen, Forschung und Pharmaunternehmen nur gemeinsam nachhaltige Veränderungen erreichen können.

Damit berührt das Gespräch den Kern auch unserer Arbeit: Wir pflegen Vielfalt. Wir leben Menschlichkeit. Wir bauen Brücken. Nicht als abstrakten Anspruch, sondern dort, wo medizinische, psychosoziale und gesellschaftliche Bedürfnisse im Leben eines Menschen zusammenkommen.


MSD engagiert sich seit vielen Jahren in der Erforschung und Behandlung von HIV. Welche Verantwortung ist damit für das Unternehmen verbunden – medizinisch, aber auch gesellschaftlich?

Für mich ist HIV weit mehr als eine körperliche Erkrankung. Das Thema ist unmittelbar mit Lebensqualität, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Teilhabe verbunden. Daraus ergibt sich für uns als Unternehmen eine klare Verantwortung: medizinisch, indem wir Innovationen vorantreiben, die Menschen mit HIV ein möglichst langes, gesundes und selbstbestimmtes Leben ermöglichen; gesellschaftlich, indem wir Wissen fördern, Vorurteile abbauen und den Dialog mit der Community, medizinischen Fachkräften und weiteren Partner:innen stärken.

Wichtig ist mir, Fortschritt nicht nur an besseren Medikamenten zu messen, sondern auch daran, ob sich die Lebensrealität von Menschen verbessert. Menschen mit HIV sollen medizinisch gut betreut werden und zugleich ohne Ausgrenzung und Diskriminierung leben können.

Die medizinischen Fortschritte in der HIV-Therapie haben das Leben vieler Menschen grundlegend verändert. Welche Entwicklungen waren aus Ihrer Sicht besonders bedeutend?

Besonders bedeutend waren Entwicklungen, die die HIV-Therapie wirksamer, verträglicher und alltagstauglicher gemacht haben. Moderne Therapien sind heute zuverlässig wirksam, werden auch bei lebenslanger Anwendung üblicherweise gut vertragen und lassen sich deutlich einfacher in den Alltag integrieren. Der Weg führte von komplexen Therapieschemata mit mehreren Einnahmezeitpunkten am Tag und in der Nacht hin zu einfacheren Behandlungsformen sowie zu langwirksamen Optionen, die den Therapiealltag zusätzlich erleichtern können.

Ein weiterer wichtiger Fortschritt sind wirksame Präventionsangebote wie die Prä-Expositions-Prophylaxe, kurz PrEP. Damit hat sich der Blick auf HIV erweitert: weg von der reinen Behandlung hin zu einem umfassenden Ansatz, der Therapie, Prävention und Lebensqualität gemeinsam denkt.

Menschen mit HIV können heute bei rechtzeitiger Diagnose und wirksamer Therapie in der Regel gut und lange leben. Warum hält sich die gesellschaftliche Stigmatisierung dennoch so hartnäckig?

Stigmatisierung entsteht oft dort, wo Wissen fehlt. Viele Vorstellungen von HIV stammen noch aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Die medizinische Realität hat sich seither grundlegend verändert, das gesellschaftliche Bewusstsein aber nicht immer im gleichen Tempo. Noch immer bestehen falsche Annahmen zur Übertragung im Alltag. Solche Wissenslücken können unnötige Ängste auslösen.

Hinzu kommen Vorurteile darüber, wen HIV betrifft. HIV wird noch immer häufig bestimmten Gruppen oder Lebensstilen zugeordnet, obwohl es grundsätzlich jede Person betreffen kann. Dieses Schubladendenken verhindert offene Gespräche, hält Menschen von Tests ab und erschwert ein selbstverständliches Leben mit HIV. Umso wichtiger sind Aufklärung, Begegnung und vielfältige Erfahrungsberichte.

Aufklärung schafft Wissen und Begegnung verändert Haltung

Welche Bedeutung haben Aufklärung, Prävention und ein offener Umgang mit HIV, um Vorurteile und Berührungsängste nachhaltig abzubauen?

Aufklärung ist der wichtigste Hebel, um Vorurteile und Berührungsängste abzubauen. Viele Menschen wissen noch zu wenig über HIV oder orientieren sich an überholten Bildern. Verständliche und kontinuierliche Wissensvermittlung – etwa in Schulen, im Gesundheitswesen und in der breiten Öffentlichkeit – hilft, falsche Vorstellungen zu korrigieren.

Prävention und ein offener Umgang mit HIV sind ebenso zentral. Je selbstverständlicher über HIV gesprochen wird, desto leichter lassen sich Tabus abbauen und desto eher werden Menschen mit HIV ohne Vorurteile als Teil unserer Gesellschaft wahrgenommen.

Viele Menschen mit HIV erleben zusätzlich psychische Belastungen, Einsamkeit oder schwierige soziale Lebensumstände. Wie wichtig ist es, medizinische und psychosoziale Versorgung gemeinsam zu denken?

Menschen mit HIV brauchen oft mehr als eine wirksame Therapie. Psychische Belastungen, soziale Herausforderungen oder Ausgrenzung wirken sich direkt auf die Lebensqualität und die Versorgung aus. Deshalb müssen medizinische und psychosoziale Unterstützung gemeinsam gedacht werden.

Organisationen wie die AIDS-Hilfen oder Diversity Care Wien sind dabei unverzichtbar. Sie bieten Beratung, Begleitung und konkrete Unterstützung im Alltag. Gemeinsam mit Ärzt:innen und weiteren Partner:innen helfen sie, Bedürfnisse früh zu erkennen und Versorgungslücken zu schließen.

Welche Rolle spielen starke Netzwerke zwischen Ärzt:innen, Pflegeorganisationen, Beratungsstellen, Community-Organisationen, Forschung und Pharmaunternehmen für eine ganzheitliche Versorgung?

Starke Netzwerke sind entscheidend, weil keine Gruppe diese Herausforderungen allein lösen kann. Ärzt:innen, Pflegekräfte, Sozialarbeiter:innen, Beratungsstellen, Community-Organisationen, Forschung und Industrie bringen unterschiedliche Perspektiven ein. Erst zusammen entsteht ein vollständigeres Bild der Bedürfnisse von Menschen mit HIV.

Dieser Austausch hilft, bestehende Lücken besser zu verstehen, die Versorgung weiterzuentwickeln und Impulse für Forschung und neue Therapieoptionen zu setzen. Wirkliche Verbesserungen entstehen dort, wo alle Beteiligten an einem Strang ziehen.

Gibt es ein Projekt oder eine Initiative von MSD im HIV-Bereich, auf die Sie besonders stolz sind oder die Ihnen besonders am Herzen liegt?

Besonders stolz bin ich auf die Unterstützung von Projekten, die direkt bei den Bedürfnissen von Menschen mit HIV ansetzen. Initiativen wie das „Myths Busting“-Projekt von PULS HIV oder „Gesund altern mit HIV“ der AIDS-Hilfe Steiermark leisten einen wichtigen Beitrag zu Aufklärung, Entstigmatisierung und Lebensqualität. Sie zeigen, wie wirkungsvoll partnerschaftliche Zusammenarbeit sein kann.

Welche weiteren Schritte braucht es aus Ihrer Sicht, damit Menschen mit HIV in Österreich nicht nur medizinisch gut versorgt werden, sondern auch ohne Angst vor Ausgrenzung leben können?

Dafür braucht es weiterhin konsequente Aufklärung in Schulen, im Gesundheitswesen, am Arbeitsplatz und in der breiten Öffentlichkeit. Nur wenn Wissen breiter verankert ist, lassen sich Vorurteile, überholte Bilder und unnötige Ängste nachhaltig abbauen.

Neben Information braucht es Begegnung: Räume und Formate, in denen Menschen mit und ohne HIV selbstverständlich zusammenkommen, etwa bei integrativen Veranstaltungen oder gemeinsamen Initiativen.

Das Ziel ist eine Gesellschaft, in der niemand eine HIV-Diagnose verheimlichen muss und in der HIV nicht stigmatisiert, sondern als gut behandelbare chronische Erkrankung verstanden wird.

HIV neu verstehen: Medizinischer Fortschritt braucht gesellschaftliche Akzeptanz

Ganz persönlich gefragt: Was motiviert Sie in Ihrer täglichen Arbeit – und was wünschen Sie sich für die Zukunft von Menschen mit HIV?

Mich motiviert zu sehen, welchen Unterschied medizinischer Fortschritt im Leben von Menschen machen kann. HIV zeigt das eindrucksvoll: Aus einer früher oft angstbesetzten Diagnose ist heute im Regelfall eine gut behandelbare chronische Erkrankung geworden. Gleichzeitig bleibt klar: Neben guter medizinischer Versorgung braucht es gesellschaftliche Akzeptanz und echte Teilhabe.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Menschen mit HIV ohne Vorurteile oder Ausgrenzung offen und selbstbestimmt leben können. Dafür müssen wir weiterhin auf Aufklärung, Prävention, Forschung und starke Netzwerke setzen.

Was wir aus dem Gespräch mitnehmen können

Der medizinische Fortschritt bei HIV ist beeindruckend. Doch seine volle Wirkung entfaltet er erst, wenn Menschen nicht nur gut behandelt werden, sondern auch offen, sicher und selbstbestimmt leben können. Versorgung muss deshalb die körperliche Gesundheit ebenso berücksichtigen wie psychische Belastungen, soziale Lebensumstände und Erfahrungen von Diskriminierung.

Das Gespräch zeigt außerdem, dass Aufklärung keine einmalige Kampagne sein kann. Wissen über Übertragungswege, moderne Behandlung und Prävention muss kontinuierlich dorthin gelangen, wo alte Bilder fortbestehen: in Schulen, an Arbeitsplätzen, ins Gesundheitswesen und in die breite Öffentlichkeit. Zugleich braucht es Begegnung und die Stimmen von Menschen mit HIV, denn Fakten korrigieren Irrtümer – persönliche Erfahrungen können Haltung verändern.

Für Diversity Care Wien bestätigt sich damit ein zentraler Grundsatz unserer Arbeit: Ganzheitliche Unterstützung entsteht im Netzwerk. Pflege, Medizin, psychosoziale Begleitung, Community-Arbeit, Forschung und verantwortungsvolle Unternehmenspartnerschaften müssen ineinandergreifen. Brücken zu bauen bedeutet für uns, diese Perspektiven zusammenzuführen und Versorgung an der tatsächlichen Lebensrealität der Menschen auszurichten.

Danke

Wir bedanken uns herzlich bei Nicole Schlautmann von MSD Österreich, Managing Director bei MSD Österreich  für die Zeit, die offenen Einblicke und die klare Haltung zu medizinischem Fortschritt, Aufklärung und einem selbstbestimmten Leben ohne Stigmatisierung.




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