Traude Kogoj bei ÖBB: Diversity und Inklusion: Mobilität, die alle verbindet
Aktualisiert: vor 5 Tagen
„Vielfalt allein führt noch nicht automatisch zu Inklusion. Entscheidend ist, dass Menschen sich zugehörig fühlen, gehört werden und die gleichen Chancen vorfinden.“

Eine Mitarbeiterin am Ticketschalter kommuniziert mit Reisenden in Gebärdensprache. Am Wiener Hauptbahnhof unterstützen Kolleg:innen innerhalb weniger Stunden Familien, die vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet sind – weil sie Ukrainisch oder Russisch sprechen und verstehen, was diese Menschen gerade benötigen.
Anderswo freuen sich Mitarbeiter:innen gemeinsam über den nächsten Karriereschritt einer Kollegin oder fangen einander auf, wenn es jemandem gerade nicht gut geht.
Es sind solche Situationen, in denen Vielfalt ihre abstrakte Bedeutung verliert. Sie wird konkret: als Sprache, die Verständigung ermöglicht.
Als Erfahrung, die in einem schwierigen Moment hilft. Als Unterstützung im Team. Und als Gefühl, gesehen zu werden und dazuzugehören.
Die ÖBB bringen täglich mehr als 1,5 Millionen Reisende an ihr Ziel. Konzernweit arbeiten über 48.000 Mitarbeiter:innen bei Bus und Bahn – darunter mehr als 2.200 Lehrlinge. Damit sind die ÖBB nicht nur das Rückgrat des öffentlichen Verkehrs, sondern auch eines der größten Unternehmen Österreichs.
Für unsere Gesprächsreihe „Diversity Voices Wien“ haben wir mit Dr. Traude Kogoj, Expertin für Diversity, Gleichbehandlung und Inklusion bei den ÖBB, darüber gesprochen, warum Vielfalt allein noch keine Inklusion schafft, wie Chancengleichheit in einer großen Organisation verankert werden kann und weshalb Mobilität für alle auch bedeutet, unterschiedliche Lebensrealitäten mitzudenken.
Sie verbindet dabei fachliche Expertise mit einem sehr persönlichen Blick auf Vielfalt. Sie zeigt, dass Diversity Management nicht bei Strategien und Zielvorgaben endet, sondern seine tatsächliche Wirkung in konkreten Begegnungen, fairen Chancen und dem erlebbaren Gefühl von Zugehörigkeit entfaltet.
Vielfalt erweitert unsere Möglichkeiten
Was bedeutet Vielfalt für Sie persönlich – nicht nur beruflich, sondern auch als Mensch?
Vielfalt bedeutet für mich Reichtum, Perspektivenvielfalt und erweiterte Handlungsmöglichkeiten, um die Welt jeden Tag ein bisschen besser zu machen.
Das klingt vielleicht ziemlich pathetisch, ist für mich aber sehr erfüllend. Großartige Literatur und einzigartige Musik wären ohne Vielfalt undenkbar und schlicht nicht da. Wie schrecklich wäre das für mich.
Wenn Inklusion im Alltag sichtbar wird
Gab es bei den ÖBB Momente, in denen Sie besonders gespürt haben, warum diese Arbeit wichtig ist?
Davon gab es viele: Kolleg:innen am Ticketschalter, die mit Reisenden in Gebärdensprache kommunizieren. Kolleg:innen, die am Wiener Hauptbahnhof innerhalb weniger Stunden vom Krieg geflüchtete Familien aus der Ukraine unterstützen und begleiten, weil sie perfekt Ukrainisch oder Russisch sprechen.
Kolleg:innen, die sich aufeinander verlassen können, wenn es gerade einmal nicht so gut läuft. Und Kolleg:innen, die sich gemeinsam freuen, weil einer Person aus ihrem Team der nächste Karriereschritt gelungen ist.
Was berührt Sie an Ihrer Arbeit im Bereich Diversity, Gleichbehandlung und Inklusion besonders?
Mich berührt besonders, wenn Inklusion auch in großen, vergleichsweise homogenen Organisationen gelingt.
Was wünschen Sie sich für Menschen, die sich im Alltag, im Beruf oder im öffentlichen Raum nicht selbstverständlich gesehen oder zugehörig fühlen?
Ich wünsche ihnen das gute Gefühl, dass sie gesehen und gehört werden. Große Freude an der gesellschaftspolitischen Mitgestaltung und die tiefe Gewissheit, dazuzugehören.
Mobilität für alle zugänglich machen
Wofür stehen die ÖBB als Organisation?
Die ÖBB sind das Rückgrat des öffentlichen Verkehrs und bringen als Österreichs größtes Mobilitäts- und Logistikunternehmen Menschen und Güter sicher an ihr Ziel.
Konzernweit arbeiten mehr als 48.000 Mitarbeiter:innen bei Bus und Bahn – darunter über 2.200 Lehrlinge – dafür, dass täglich mehr als 1,5 Millionen Reisende sicher an ihr Ziel kommen.
Unser Ziel ist es, Mobilität für alle zugänglich zu machen. Vielfalt, Inklusion und Gleichbehandlung sind dabei keine Nebenthemen, sondern Teil unserer Unternehmenskultur, unseres Führungsverständnisses und unserer gesellschaftlichen Verantwortung.
Wer bei den ÖBB besonders in den Blick genommen wird
Grundsätzlich versuchen wir, alle Menschen in den Blick zu nehmen: Mitarbeiter:innen, Kund:innen, Partner:innen und Stakeholder:innen. Das sind sehr viele Menschen, und es gelingt uns sicher nicht immer in dem Maß, wie mein Team und ich es gerne hätten.
Ein besonderes Augenmerk legen wir auf Gruppen, die gesellschaftlich oder strukturell benachteiligt werden oder in bestimmten Berufsfeldern weiterhin unterrepräsentiert sind. Dazu zählen insbesondere Frauen, Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen, Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen sowie LGBTQIA+-Personen.
Darüber hinaus fördern wir die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben und den Austausch in konzernweiten Netzwerken.
Die Grundlage dafür bilden unsere Konzern-Policy Gleichbehandlung, die konzernweite Diversity-Strategie sowie die Diversity Charta 2030. Diese legt verbindliche Ziele für Vielfalt, Gleichstellung und Chancengleichheit fest.
Konkret definiert die Diversity Charta 2030 unter anderem Managementziele zur Erhöhung des Frauenanteils im Konzern und in Führungspositionen. Darüber hinaus verfolgt sie das Ziel, einen Frauenanteil von mindestens 20,9 Prozent bei Neuaufnahmen und 29,1 Prozent in der Lehrlingsausbildung zu erreichen.
Im Jahr 2025 lag der Frauenanteil bei den Neuaufnahmen bereits bei knapp 23 Prozent. Auch der Anteil von Mitarbeiter:innen mit begünstigter Behinderung soll weiter steigen.
Vielfalt allein ist noch keine Inklusion
Welche Themen und Herausforderungen beschäftigen die ÖBB derzeit besonders?
Die Arbeitswelt wird vielfältiger und gleichzeitig komplexer. Themen wie Inklusion, kulturelle Vielfalt, Barrierefreiheit, Chancengleichheit und die Gewinnung von Fachkräften beschäftigen uns aktuell besonders.
Dabei geht es nicht nur darum, Vielfalt sichtbar zu machen. Es müssen Rahmenbedingungen entstehen, in denen alle Mitarbeiter:innen ihre Potenziale entfalten können.
Was wird gesellschaftlich noch zu wenig gesehen oder verstanden?
Vielfalt allein führt noch nicht automatisch zu Inklusion.
Unterschiedliche Menschen in einer Organisation zu beschäftigen, ist der erste Schritt. Entscheidend ist jedoch, dass sie sich gleichermaßen zugehörig fühlen, gehört werden, sich einbringen können und die gleichen Chancen vorfinden.
Erst dann wird aus Vielfalt echte Inklusion. Dafür braucht es eine gute strukturelle Verankerung, zeitgemäße Inklusionsangebote, verbindliche Qualifizierung und kontinuierliche Arbeit.
Was bedeutet Diversität für die ÖBB ganz konkret?
Diversität ist für die ÖBB sowohl gesellschaftliche Verantwortung als auch ein wichtiger Erfolgsfaktor. Sie bedeutet für uns, unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Lebensrealitäten als Stärke zu begreifen.
Ganz konkret heißt das: Wir schaffen Rahmenbedingungen, in denen Menschen unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft, Behinderung, sexueller Orientierung oder Lebenssituation gleiche Chancen haben und ihr Potenzial entfalten können.
Vielfältige Teams fördern Innovation, Kreativität und bessere Entscheidungen. Als eines der größten Unternehmen Österreichs sind wir auf qualifizierte Fachkräfte angewiesen und stehen im Wettbewerb um Talente. Ein vielfältiges und inklusives Arbeitsumfeld hilft uns dabei, Mitarbeiter:innen zu gewinnen und langfristig zu halten.
Gleichzeitig erfordert der Mobilitätsmarkt innovative und kund:innenorientierte Lösungen. Unterschiedliche Perspektiven innerhalb einer vielfältigen Belegschaft helfen, die Bedürfnisse unserer Kund:innen besser zu verstehen.
Für die ÖBB ist es daher wichtig, die Vielfalt der Gesellschaft auch im Unternehmen abzubilden und dadurch Chancengleichheit, Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
Vom Konzernsitz bis zum kleinsten Standort
Wo sehen Sie derzeit den größten Handlungsbedarf?
Der größte Handlungsbedarf liegt darin, Vielfalt und Chancengleichheit nachhaltig im gesamten Konzern zu verankern – über unterschiedliche Unternehmensbereiche und Berufsgruppen hinweg bis zum kleinsten Standort im Land.
Dazu gehört, ein gemeinsames Verständnis für die Bedeutung von Diversity zu schaffen. Führungskräfte und Mitarbeiter:innen sollen über ein einheitliches Wissens- und Verständnisniveau verfügen.
Wir beraten und begleiten deshalb Führungskräfte und Teams, damit Inklusion im Arbeitsalltag aktiv gestaltet und ein respektvolles Miteinander gefördert wird.
Warum ist Vernetzung für Ihre Arbeit wichtig?
Vielfalt entsteht durch unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt. Diese Perspektiven kommen jedoch nur dann zusammen, wenn Menschen miteinander ins Gespräch kommen.
Vernetzung hilft dabei, voneinander zu lernen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsame Lösungen für Herausforderungen zu entwickeln. Deshalb fördern wir zahlreiche interne und externe Netzwerke – für Frauen, Eltern, Menschen mit Behinderungen, Personen mit Migrationserfahrung und Menschen aus der LGBTQIA+-Community.
Aktuell wird außerdem ein zusätzliches Netzwerk für pflegende Angehörige aufgebaut.
Solche Netzwerke verbinden einerseits Mitarbeiter:innen mit ähnlichen Erfahrungen innerhalb des Konzerns. Andererseits bringen sie konkrete Lösungen und wertvolle Impulse in strategische Entscheidungen ein.
Inklusion gelingt nicht im Alleingang
Was bedeutet Zusammenarbeit im Diversity-Bereich für die ÖBB?
Vielfalt und Inklusion gelingen nicht im Alleingang. Wir sind überzeugt, dass nachhaltige Veränderungen durch Kooperation entstehen – innerhalb des Unternehmens ebenso wie gemeinsam mit Organisationen, Interessenvertretungen und anderen Partner:innen.
Unterschiedliche Perspektiven machen Lösungen besser und wirksamer.
Damit die Maßnahmen konzernweit und an allen Standorten umgesetzt werden können, wurden die Diversity Plattform und das Diversity Council eingerichtet. Beide übernehmen eine wichtige Drehscheibenfunktion für das Diversity Management im Konzern.
Was motiviert Sie und Ihr Team, diese Arbeit kontinuierlich weiterzuführen?
Uns motiviert die Überzeugung, dass jede Investition in Chancengleichheit und Inklusion einen Unterschied macht – für einzelne Menschen, für Teams und letztlich für den gesamten Unternehmenserfolg.
Was gibt Ihnen Hoffnung?
Hoffnung geben uns die vielen Kolleg:innen, die sich jeden Tag für ein respektvolles und wertschätzendes Miteinander einsetzen und Vielfalt aktiv mitgestalten.
Wir erleben großes Engagement in unseren Netzwerken, bei unseren Mitarbeiter:innen und im Management. Das zeigt uns, dass Vielfalt und Zusammenhalt keine bloßen Überschriften sind, sondern aktiv gelebt werden.
Was wir als Diversity Care Wien daraus mitnehmen?
Mobilität bedeutet weit mehr, als von einem Ort zum anderen zu gelangen. Sie entscheidet darüber, ob Menschen arbeiten, medizinische Termine wahrnehmen, soziale Kontakte pflegen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.
Für ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Personen in schwierigen sozialen Lebenssituationen können bereits kleine Barrieren große Auswirkungen haben. Ein nicht erreichbarer Bahnsteig, unverständliche Informationen oder fehlende Unterstützung können darüber entscheiden, ob eine notwendige Fahrt überhaupt möglich ist.
Deshalb ist der Anspruch, Mobilität für alle zugänglich zu machen, für uns als Diversity Care Wien von besonderer Bedeutung.
Aus dem Gespräch mit Dr. Traude Kogoj nehmen wir vor allem einen zentralen Gedanken mit: Sichtbare Vielfalt ist wichtig – sie ist aber erst der Anfang.
Wirkliche Inklusion entsteht dort, wo Menschen nicht nur anwesend sein dürfen, sondern sich sicher fühlen, gehört werden und tatsächlich mitgestalten können.
Das gilt im Mobilitätsbereich ebenso wie in der Pflege.
Auch wir begleiten Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, sexuellen Orientierungen, Geschlechtsidentitäten, Erkrankungen und Lebensgeschichten. Gute Pflege bedeutet deshalb nicht, alle Menschen gleich zu behandeln. Sie bedeutet, ihre unterschiedlichen Bedürfnisse wahrzunehmen und ihnen mit derselben Würde, Aufmerksamkeit und fachlichen Sorgfalt zu begegnen.
Besonders wertvoll ist für uns auch die Rolle von Netzwerken. Die Beispiele der ÖBB zeigen, dass Netzwerke mehr leisten können als persönlichen Austausch. Sie machen Erfahrungen sichtbar, bringen bislang übersehene Bedürfnisse in Entscheidungen ein und helfen Organisationen dabei, bessere Lösungen zu entwickeln.
Genau darin liegt auch die Bedeutung von „Diversity Voices Wien“: Wir möchten unterschiedliche Perspektiven miteinander verbinden, voneinander lernen und Themen sichtbar machen, die im Alltag häufig zu wenig Aufmerksamkeit erhalten.
Inklusion entsteht nicht durch eine einzelne Kampagne, eine Richtlinie oder ein Ziel auf dem Papier. Sie entsteht in Strukturen – und zugleich in vielen kleinen Momenten des Alltags.
Wenn Mitarbeiter:innen mit einem gehörlosen Reisenden in Gebärdensprache kommuniziert. Wenn Sprachkenntnisse in einer Krisensituation Sicherheit schaffen. Wenn Kolleg:innen einander unterstützen. Wenn ein Mensch spürt: Ich werde gesehen, ich werde gehört und ich gehöre dazu.
Danke für das Gespräch
Wir danken Dr. Traude Kogoj und den ÖBB für die fachlich fundierten und zugleich sehr persönlichen Einblicke.
Ihre Beispiele zeigen, wie aus strategischen Zielen gelebte Inklusion entstehen kann – und warum es dafür verbindliche Strukturen, starke Netzwerke und Menschen braucht, die jeden Tag Verantwortung übernehmen.
Vielen Dank für die Bereitschaft, im Rahmen von „Diversity Voices Wien“ über Vielfalt, Gleichbehandlung, Barrierefreiheit und gesellschaftliche Teilhabe zu sprechen.
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